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14. Juni 2014

Den Letzten beißt die Türe tot

Ich sitze mal wieder fast zwei Stunden zu früh in Berlin Tegel und trinke ein überteuertes Bier. Klassiker eigentlich. Beim Fliegen ist es bei mir so, dass ich entweder meinen Flug verpasse, oder völlig abgehetzt, einige Stunden zu früh, vor dem Gate sitze und mich darüber ärgere, warum zur Hölle ich eigentlich so sinnlos früh los bin. Die Antwort kenne ich allerdings schon lange. Ich bin ein mittelmäßig neurotischer Kontrollfreak. Ich gehe manchmal morgens mehrmals zu meiner Wohnungstür zurück, um zu checken, ob ich auch wirklich abgeschlossen habe. Nicht, dass ich es schon jemals vergessen hätte. Genauso chronisch malträtiere ich von innen mein Türschloss drei bis vier Mal, bevor ich abends ins Bett gehe. Es muss abgeschlossen sein. Ich habe den Zwang, gegen meine Kühlschranktür drücken zu müssen, bevor ich die Wohnung verlasse. Ich rede mir ein, dass ich es tue um Wohnungsbrände zu vermeiden (lange Geschichte!), aber die Wahrheit ist, ich tue es, weil es ein Tick ist; ein Kontrollzwang. Ich hasse Risiken wie die Pest. Das Risiko, sich auf einen neuen Menschen einzulassen, das Risiko, mit einer fremden Frau nachhause zu gehen, und das Risiko sich normal pünktlich auf den Weg zum Flughafen zu begeben. Alles purer Horror für mich. Letzteres hat aber zumindest ein Gutes. Ich muss jetzt irgendwie Zeit überbrücken und komme so endlich mal wieder dazu, ein wenig zu schreiben.

Das mit meiner fehlenden Risikobereitschaft war nicht immer so, bilde ich mir ein. Es scheint im Laufe meines Lebens langsam zugenommen zu haben. Früher war ich anders. Da bin ich mir jedenfalls relativ sicher. Als ich vor 15 Jahren nach Berlin kam, zog ich in eine Wohngemeinschaft mit einer meiner Ex-Freundinnen und ihrem aktuellen Boyfriend. Damals muss ich so ängstlich wie ein römischer Gladiator gewesen sein. Ich meine, HALLO!! Wie todesmutig kann ein Mensch denn noch sein? Mit einem Pärchen zusammenzuziehen ist ja schon aus der Abteilung 'Extremsport für Lebensmüde', aber dann auch noch mit einer Exfreundin? Dagegen ist Bungee-Jumping ja eine Entspannungsübung, oder was? …Nun ja... Gut überlegt war es zumindest nicht, soviel kann ich verraten. Aber es war auch irgendwie lustig. Mit besagter Frau habe ich jedenfalls, im Gegensatz zu fast allen anderen meiner Verflossenen, noch Kontakt; und sogar ziemlich guten. So guten, dass sie mich vor ein paar Wochen zu einer kleinen Party zu sich und ihrem neuen Lebensabschnittsgefährten einlud. Eigentlich hasse ich Partys von Menschen, die mit ihren Partnern zusammenwohnen. Man kommt sich als Single immer vor, als säße man mit den anderen Singles am Kindertisch, während die Erwachsenen sich über Balkonpflanzen und Küchenmöbel unterhalten; und darüber dass ja jetzt die total richtige Zeit wäre, in Berlin eine Wohnung zu kaufen, von wegen Altersvorsorge und Inflation und so, und dass man ja auch immer noch an ein extra Zimmer für den Nachwuchs denken sollte und so weiter. Man sitzt dann meist da, hört sich den ganzen Dreck an, erinnert sich daran, wie man mit ihr oder mit ihm früher tagelang schlechtes Dope in der Acrylbong geraucht, WORMS-III auf der Playstation gezockt und sich dabei abwechselnd Nutella- und Käse-Toast in den Mund gestopft hat, bis man Bauchschmerzen hatte oder einer eingeschlafen war. Dann fragt man sich, was passiert ist, was sie, er oder man selbst wohl falsch gemacht hat, wie es so weit hatte kommen können. Man hört langsam auf zuzuhören, was beim Immobilienkauf zu beachten ist. Man nickt nur noch interessiert, trinkt immer schneller und hofft, dass der Alkohol endlich anfängt zu wirken.

Da ich die letzten drei Einladungen der beiden Turteltäubchen allerdings bereits ausgeschlagen hatte, inklusive der Einweihungs- und einer Sylvester-Feier, musste ich auf diese Party wohl oder übel gehen. Meine stille Hoffnung bestand darin, dass meine ehemalige Mitbewohnerin zumindest ihren Drogenkonsum in ihr Erwachsenendasein hatte retten können, und daher wahrscheinlich genug Fluchtmöglichkeiten in diversen Aggregatzuständen vorhanden sein würden. Drogenliebhaber schaffen es ab einem bestimmten Alter nämlich gelegentlich ihren Konsum auf eine seltsam spießbürgerliche Art in ihren Kinderwunsch-Einbauküchen-Akademiker-Alltag zu übertragen, und so lag, als ich auf der Party ankam, auch tatsächlich eine bunte Auswahl an Pülverchen und Pillen, angerichtet wie frisches Obst auf kleinen Tellern und Schalen, in der Mitte des riesigen Wohnzimmertisches. Eine bunte Truppe aus Mitt- und End-Dreißigern saß darum herum, nippten an ihren Bierchen, plauderten angeregt und ließen sich von ausgewählter Minimal- und House-Musik aus dem Nebenzimmer beschallen. Ich wurde herzlich empfangen, mit einem Bier bestückt, und eingeladen, mich doch an allem Anderen einfach zu bedienen. Ich lehnte, bis auf das Bier, alles dankend ab. Aus irgendeinem Grund rede ich mir schon mein ganzes Leben ein, keine besondere Affinität zu Drogen zu haben, und werde doch in regelmäßigen Abständen eines Besseren belehrt. An diesem Abend sollte ein weiterer Strich auf diese Liste kommen.

Ich setzte mich zu zwei Mädels, mit denen ich auch sofort ins Gespräch kam. Es war nett, aber weder war eine der beiden attraktiv genug, noch war das Thema spannend genug, um mich auf längere Sicht an meinem Platz zu halten. Ich begab mich also nach einer guten halben Stunde auf einen Rundgang durch die Wohnung. In der Küche angekommen, schnappte ich mir noch ein Bierchen und gesellte mich zu einer Gruppe whisky- und rotwein-schlürfender Mediendesigner, die wie hungrige kleine Kinder um den Herd herum standen und Tierbetäubungsmittel aufkochten. Als ich mich gerade mit dem Hausherren über seine neueste GLENLIVET-Einzelfass-Abfüllung unterhielt, wurden wir von einer jungen Kindergärtnerin mit glasigen Augen und ohne Frisur unterbrochen. „Sag mal, hast du für das Ketamin nix besseres als den Teller?“ platzte sie in unsere Fachsimpelei. „Doch klar. Ich hätte so ne Duftlampe, aber da war schon Öl drin“ antwortete mein neuer Whisky-Freund. „Ach das is doch voll witzig, ey!“ quietschte die junge Pädagogin entzückt „Is bestimmt total lecker! Vanille-Keta! Hihihi.... Vanille-Keta, ey...!“. Ich spürte ihren knochigen, kleinen Ellenbogen in meiner Seite und stellte mir vor, wie die kichernde Frau mit den früchteteefarbenen Strick-Klamotten Montag wieder Kinderlieder im Sitzkreis singen würde. Wahrscheinlich englische oder französische, auf speziellen Wunsch der Eltern. Sicher alles so hochgezüchtete, mehrsprachige Prenzlauerberg-Kinder; mit japanischen Geigenlehrern, Kinder-Joga-Gruppen, niedlichen Retro-Latzhosen und so schönen nostalgischen Namen wie bei der Hitler-Jugend. Aber jetzt kratzte sie erstmal angetrocknetes Pulver vom sonnengelben Ikea-Teller und strahlte, als wäre schon wieder Weihnachten oder der erste Tag der Fusion.

Das Küchen-Grüppchen folgte dem heißen Teller mit den frischen Drogen durch die Wohnung, wie die drei Könige dem Morgenstern und ich trottete als letzter hinterher, um nicht allein in der Küche zurückzubleiben. Im Wohnzimmer begann die Hälfte der Anwesenden sofort mit dem Ketamin-Abendmahl, während ich beschloss, zum hundertsten Mal auszutesten, ob es wirklich, wirklich, wirklich immer noch eine dumme Idee ist, Whisky in Fassstärke und Bier parallel zu trinken. Es war immer noch eine dumme Idee. Der Alkohol tat also das, was er nunmal am besten kann, und so war mein Geist bald willig und mein Fleisch schwach, und als das nächste mal die kleine Platte aus irgendeinem geschnittenen Edelstein mit dem silbernen Röhrchen vorbeikam, fragte ich nur „Was ist das?“.

Die Substanz wurde mir weder als Crystal noch als Ketamin vorgestellt und fiel damit für mein Suff-Hirn inzwischen unter die Rubrik 'Zum Verzehr geeignet'. Der Vorteil an Speed zu Alkohol ist, dass man wieder ziemlich nüchtern wird und noch mehr trinken kann. Der Nachteil an Speed zu Alkohol ist, zumindest nach meinen bisherigen Erfahrungen, dass ich meist absurd gierig nach beidem werde und dazu neige, es in hohen Dosen gegeneinander 'anwirken' zu lassen um herauszufinden, wer gewinnen wird. So gab ich mich also nicht mit einmal Abtauchen zufrieden, sondern fuhr auf dem lustigen Bergkristall eine gute Runde Slalom. Danach besorgte ich mir natürlich mehr Bier, setzte mich zu einer anderen Gruppe an den Tisch und begann das Buffet durchzutesten. Zu meinem neuen Bier servierte man mir ein Tortenstück Ecstasy. Zum nächsten wieder Speed und zum nächsten wieder Ecstasy. Die Zeit begann gefährlich zu rasen. Als ich kurz auf die Uhr sah, war es bereits Fünf. Vor mir saß ein Typ, der mir seit gefühlten Stunden von dem Buch 'Die Kunst des klaren Denkens' vorschwärmte und mir dazu, als ich wieder aufsah, euphorisch eine hellblaue Pille vor die Nase hielt. „Ja, danke“ sagte ich, nahm ihm die Pille ab und segelte damit Richtung Badezimmer. Vor dem Spiegel rief ich mich zur Ordnung, befahl mir, jetzt möglichst schnell die Wohnung zu verlassen, um noch etwas von der Nacht zu haben, vielleicht eine Frau kennenzulernen, zumindest aber diesem Zeitstrudel zu entkommen. Ich spürte, wie Logik und Vernunft in mein Hirn zurückkehrten. Sie sahen sich dort um, und dann gegenseitig lange und erschrocken an. Wie ferngesteuert wusch ich mir das Gesicht, nahm ein Viertel der Pille und steckte den Rest ein.

Auf dem Weg ins Wohnzimmer, nahm ich direkt meine Jacke mit, um gar nicht erst auf dumme Gedanken zu kommen. Ich verabschiedete mich schnell von meiner Ex-Mitbewohnerin, ihrem Boyfriend und dem Mann mit dem 'klaren Denken', winkte einmal in die Runde und verließ die Wohnung. An der frischen Luft erreichte ich ungeahnte Geschwindigkeiten. Die Stadt bewegte sich wie ein Laufband unter meinen Füßen hindurch. Ich setzte meine Kopfhörer auf und war im Handumdrehen an der U-Bahn. Ich fuhr quer durch die Stadt in mein gewohntes 'Revier'. Dort angekommen lief ich drei Clubs ab, aber für die üblichen Locations war es bereits zu früh am Morgen. Also machte ich mich auf den Weg zu einem kleinen Technoschuppen, von dem ich wusste, dass dort mit Sicherheit noch genug los war. Es war inzwischen bereits taghell auf der Straße, aber ich feierte sowieso schon die großartige Musik in meinem Kopf, mich selbst und die Welt. Als mich kurz vor dem Club ein grinsender spanischer Tourist stoppte, nur um mir in schwer verständlichem Englisch ein Kompliment für meinen beschwingten Gang zu machen, bemerkt ich, dass ich mittlerweile mehr tanzte als lief, und das wahrscheinlich auch schon seit der U-Bahn. So ist das also mit dem Selbstbewusstsein. Inner-Game schwappt irgendwann nach aussen, wissen wir ja. Und dass man Inner-Game eben auch durch die Nase ziehen kann, war hiermit erwiesen.

Ich tanzte also noch die letzten Meter bis vor den Club und stellte mich in der warmen Morgensonne vor die wummernde Eingangstür. Der Türsteher blinzelte kurz ins Freie, winkte mich ran und drückte mich dann wie die letzte Dosen-Sardine in den, immer noch brechend vollen, kleinen Club. Die Tür schloss sich wieder und es gab keinen Zentimeter Platz mehr um mich herum. Die Luft war warm, feucht und roch nach Schweiß und Parfum zu gleichen Teilen. Eigentlich musste man sich gar nicht bewegen, die Masse drückte einen einfach weiter und zuckte dazu im Rhythmus. Als ich an der Bar vorbeigeschoben wurde, konnte ich ein Bier ergattern und ließ mich damit weiter bis zur Tanzfläche treiben. Dort strandete ich in der Nähe des DJs, eingeklemmt zwischen einer Gruppe zappelnder Mädchen, einem kleinen Mauervorsprung, einem Barhocker und einem riesigen Typen mit Pumperbrust und V-Ausschnitt bis zum Bauchnabel. Erstmal musste ich dem Gorilla mit meinem nettesten Lächeln klar machen, dass ich nicht vorhatte, ihm Weibchen, Baum oder Status abspenstig zu machen, dann erkämpfte ich mir ein wenig Platz zum Tanzen.

Ich hatte meinen Spaß, freundete mich mit den mich umgebenden Sardinen und dem Gorilla an, und tanzte, bis es langsam leerer im Club wurde. Der letzte Rest eingefangene Nacht entwich mit jedem Mal, das sich die kleine Tür öffnete und die Sonne in den Club schien. Einer nach dem anderen stolperte und schwankte, allein oder in Begleitung, gen Tür und hinaus in den Tag. Irgendwann waren wir zu wenige, die sich weigerten sich, diese Nacht und ihre Suche nach irgendwas oder irgendwem, aufzugeben. Das Licht ging an und der DJ legte die letzte Platte auf. Als dann auch noch die Musik der seltsamen Mischung aus Tinnitus, heiseren Stimmen und dem Klirren der leeren Gläser wich, machte sich das finale Grüppchen, gefolgt von meiner Wenigkeit, wiederwillig und kiefermalmend auf den Weg nach draussen. Ich verabschiedete mich vom Türsteher und stolperte als einer der letzten aus dem Club. Vor der Tür stand die kleine, tapfere Legion der Übriggebliebenen. Sturzbetrunkene Mädchen suchten nach den besten, noch halbwegs ansehnlichen, Männchen. Grummelnd sammelten sich Paare und Grüppchen, um sich Taxen zu teilen; nachhause, ins Bett oder ins Berghain. Schlafen, ficken oder weitermachen.

Ich stand einfach nur da und starrte vor mich hin. Ich wurde zwei mal gefragt, ob ich in einen Club mitfahren wolle, dessen Namen ich noch nie gehört hatte. Ich verneinte kurz. Die Taxitüren knallten und wir wurden schnell weniger. Aus einem der Taxis stieg, ungefähr zehn Meter vor mir, ein Mädchen wieder aus, bevor der Wagen schwungvoll wendete und davon fuhr. Entweder hatte sie es sich anders überlegt, oder sie war von ihren neuen Freunden aus dem Taxi geworfen worden. Sie blieb einige Sekunden unsicher stehen und starrte auf die Stelle, an der gerade noch der urinfarbene Mercedes stand. Dann drehe sie sich zu mir, blickte auch mich einige Momente mit leeren Augen an, und begann dann, unter größeren Schwierigkeiten, langsam auf mich zuzugehen.

Sie hatte dunkelbraune Locken und trug ein fast bodenlanges, buntes Kleid. Ihr Zustand war kaum zu übersehen. Es grenzte an ein Wunder, dass sie nicht hinfiel, bis sie bei mir war. Ich redete gerade noch mit einem Typen über den ominösen Club, in den die meisten jetzt gegangen waren, als sie sich neben mich stellte. Erst stand sie nur schwankend da, dann lehnte sie sich wortlos an mich und drehte sich dann so vor mich, dass sie, mit dem Kopf an meiner Schulter schon halb in meiner Jacke verschwand. „Äh,....Hi!“ sagte ich in die dichten Locken „wer bist du denn?“. Sie stellte sich als Jana vor, nahm meine Hand und zog mich dann murmelnd einige Schritte weiter, bis wir vor einem Fahrrad standen. „Dasssismeinfahrrad“ kommentierte sie den Ortswechsel kurz und starrte mich dann wieder lange und erwartungsvoll an, währenddessen ihr zwei mal die Augen zufielen. „Du kannst aber auf keinen Fall mehr Fahrrad fahren“ sagte ich. Sie nickte kurz und lehnte sich dann wieder an mich. Ich überschlug die Situation, meinen Zustand und ihren Zustand. Ich wusste, was die meisten Typen an meiner Stelle wahrscheinlich tun würden und fühlte mal wieder diesen unangenehmen Erwartungsdruck an mich selbst. „Jetzt komm schon, Alter“ versuchte ich mich innerlich zu motivieren „morgens in solche Läden zu gehen, aber keine komatösen Frauen vögeln zu wollen, ist doch so schwachsinnig wie bei Germanys Next Topmodel zu kandidieren, wenn man gar keine Kurzhaarfrisur haben will. Na los jetzt! Mach schon!“.
Ich sah noch einmal an Jana herunter. Meine Entscheidung fiel anders aus.

„Ich ruf dir jetzt mal ein Taxi, oder?“ sagte ich in die Locken an meiner Schulter. Sie versuchte es wieder mit Alleine-stehen, sah mich etwas irritiert an und antwortete „könnnntenn wirnichteinfach zu dir, oder so?“. Ich spürte, wie der Druck noch mehr zunahm. „Nein, ich glaube das ist keine gute Idee“ erklärte ich langsam „schau mal, du bist wirklich sehr betrunken. Ich bin auch sehr betrunken und ausserdem... Weißt du Jana, vielleicht hat dir das heute noch keiner gesagt, aber... du blutest irgendwie an der linken Hand“. Sie blickte überfordert auf ihre blutverklebten Finger, sah mich wieder mit diesen Fragezeichen in den Augen an, überlegte kurz und streckte ihren Kopf dann etwas näher an mein Ohr. „Ok. ...Ichhwerde dann malsssehen, ob mich einer dieser jungen Herren da drüben mitnimmt“ lallte sie und nickte in Richtung des Clubs „das willssstdu sicher nicht mit ansehen“.

Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und balancierte, den linken Arm aristokratisch abgewinkelt, auf die fünf Gestalten zu, die vor der Tür des Clubs standen. Ich wartete bis sie angekommen war und machte mich dann auf den Weg zur nächsten U-Bahn. Als ich die Kreuzung überquert hatte, blieb ich doch nochmal stehen und drehte mich um. Irgendwie wollte ich zumindest sichergehen, dass Jana nicht auf der Bank vor dem Club schlafen würde. Ich beobachtete die Verhandlungen und als ich sah, dass sich schließlich ein Pärchen ihrer annahm und die Drei zusammen losgingen, machte auch ich mich auf den Weg nachhause.


Die Situation vor einem Berliner Technoclub morgens um 10 ähnelt auf amüsante Weise der, auf dem Datingmarkt ab Mitte Dreißig. Niemand ist mehr wirklich fit, man merkt allen an, was sie hinter sich haben und die meisten nehmen, was sie noch kriegen können. Jeder hat seine Treffer kassiert und manche haben Narben davongetragen. Das große Risiko besteht jetzt nicht mehr darin, jemanden zu Fragen, ob man gemeinsam nachhause geht. Das Risiko liegt nun darin, auf diese Frage mit Ja zu antworten. Für manche kann diese Hürde gigantisch werden.

Als ich aus der U-Bahn ausstieg, rief ich meinen ältesten Freund an. Wir kennen uns schon seit der Schule und er war der einzige, den ich mich um diese Uhrzeit anzurufen traute und dem ich meinen Rede-Flash zumuten wollte. Wie erwartet, war er wach und bereits hochaktiv. Er und seine langjährige Freundin packten gerade ihr Rucksäcke für eine sonntägliche Pärchen-Wanderung mit ihren Bekannten. Da prallten mal wieder Welten aufeinander. Aber wenn mich jetzt noch jemand verstand, dann er. „Alter, das mit dem Single-Ding.... also ich kann dir was verraten, irgendwann wird das komisch“ textete ich mit verkrampftem Kiefer in mein Handy „ich mach das ja jetzt schon fünf Jahre mit, und ich sag dir was: Bei diesen Langzeit-Singles, da gibt es eigentlich nur zwei Arten... Die einen vögeln nie und die anderen, die vögeln ständig. Und weißt du was das lustigste dabei ist? Beide sind genauso einsam...“.
„Ja, Schatz! Ja, das Moskitospray“ antwortete er „nein, dich mein ich nicht! Was hast du gesagt?“. Die Unterhaltung gestaltete sich wieder erwarten doch einigermaßen schwierig, aber er hörte sich meinen drogengetränkten Redefluss geduldig an, bis ich an meiner Haustür war. Im Treppenhaus stolperte ich natürlich noch in meine 80jährige Nachbarin, die sich bei mir ausführlich über die viel zu laute Hippie-WG im Haus auskotzen wollte. Ich konnte mich irgendwie aus der Unterhaltung winden und flüchtete, mit gefährlich großen Schritten, bis in meine Wohnung. Ich sperrte die Tür (zwei Mal) hinter mir ab und fühlte mich endlich sicher. Hier drin konnte mir dieser kranke Planet für die nächsten Stunden nichts anhaben.

Aufgeputscht wie ich war, konnte ich natürlich nicht schlafen und versuchte noch ein wenig Sex mit mir zu haben, was dank des Amphetamins in meinem Blut ziemlich kläglich scheiterte. Ein weiterer guter Grund warum ich ganz froh war, niemanden mit mittleren oder gar hohen Erwartungen mit zu mir nachhause eingeladen zu haben. Es wäre ein Trauerspiel geworden. Ich hätte mich wohl dumm stellen und tatsächlich Kaffee anbieten müssen. Aber so gab es für all das wenigstens keine Zeugen. Alles in allem war die Sache also mal wieder gut ausgegangen.



...but the drugs like me.


In den letzten Monaten habe ich noch ein paar weitere Male mit der Wirkung diverser Drogen auf mein Flirtverhalten experimentiert. Im Grunde gab es aber keine wirklich nennenswerten Erkenntnisse. Die meisten Drogen wirken nicht viel anders als PickUp. Ein Großteil der Wirkung ist einfach nur Placebo, aber kurzzeitig senkt man damit seine Hemmschwelle und steigert das Selbstbewusstsein, was natürlich auf den ersten Blick zu besseren Ergebnissen führt. Genau wie PickUp verändern aber die meisten Drogen leider das Urteilsvermögen und das Sozialverhalten, verunsichern auf die Dauer mehr als dass sie helfen und hinterlassen einen ziemlich fiesen Kater. Wichtig ist also bei Drogen, genauso wie bei PickUp, irgendwann auch wieder den Absprung zu schaffen. Wer länger dabei bleibt, wird entweder zum Opfer, oder er beginnt zu dealen, und selbst aus der Schwäche und Unsicherheit anderer Kapital zu schlagen. Wenn man den Absprung schafft und sich davon erholt hat, bleiben aber in beiden Fällen durchaus ein paar lustige Erinnerungen. Und wer sie aufgeschrieben hat, kann sich später köstlich darüber amüsieren.


In diesem Sinne: Habt Spaß, haltet die Ohren steif, und lasst euch nichts andrehen!



Elia

1. Januar 2014

Die stille Seite des Mondes

Es ist der erste Januar 2014 und Michael Schumacher liegt im Koma. Das ist mir allerdings scheißegal. Genauso scheißegal ist es mir, dass ein fetter Kerl beschlossen hat, den Brustkrebs seiner Frau als Werbegag an die Telekom zu verticken. Alles Arschgeigen da draussen. Gott bin ich froh, dass ich keinen Fernseher hab. So muss ich wenigstens nur dafür bezahlen, dass der Kot produziert wird, aber fühle mich nicht auch noch verpflichtet, hinzusehen wenn man ihn uns vorführt. Ich klicke diese komische Fernseh-Website wieder zu. Es ist 12:30Uhr und ich bin wach. Ich war um 7:00Uhr im Bett und habe somit halbwegs ausgeschlafen. Ich habe keinerlei Kater, was wohl daran liegt, dass ich mir gestern Nacht durchgehend frustrierend nüchtern vorkam. Nüchternheit kann in manchen Momenten im Leben eines Mannes eine wirklich herbe Enttäuschung darstellen. Ich stehe auf und mache mir einen Kaffee. Ich kann mich an jede Sekunde der gestrigen Nacht erinnern. Kein Kater. Kein Blackout. Kein Exzess. Das ist neu. Das ist neu. Hurra, Hurra die Schule brennt.

Vincent kam gestern um 21:00 zu mir. Ich habe beschlossen ihn ab jetzt Vincent und nicht mehr 'Wing2' zu nennen. Ich habe überhaupt beschlossen, mit diesem beknackten Pick-Up-Sprech aufzuhören. Das ist ja scheiß-peinlich. Wie Kleinkinder, die über ihre Action-Figuren reden und kein Schwein versteht ein Wort, weil niemand alle Folgen ihrer Epileptiker-Sendung im Fernsehen dazu kennt. 'Wing2'....als hätten wir uns auch nur ein einziges mal 'gewingt'... Ich hab ihm mal nen Approach...ä …oh – dafür gibt’s kein gutes Wort - ...ach scheiß drauf, ich hab ihm mal nen Approach versaut. Das war's aber auch schon zum Thema 'Wing'. Jedenfalls kam Vincent um 21:00Uhr zu mir. Ich hatte gekocht und Kerzen angemacht und er hatte Raketen gekauft. Alles könnte so einfach sein, wenn man nur schwul wäre. Nach dem Essen gab's lecker Alkohol. Wodka. Immer abwechselnd mit Espresso. Man ist halt keine 20 mehr, und nach dem guten Essen will man eigentlich ja in seinem Sessel einschlafen. Aber nix da!

Ich hatte am Samstag schon ohne Erfolg versucht meine beginnende Erkältung mit kalter Luft, lautem Punkrock, Zigarettenrauch und viel Alkohol los zu werden. Hatte nicht funktioniert. Ich werde die Versuchsreihe dazu trotzdem nicht aufgeben. Ich bin von der heilenden Wirkung dieser Kombination immer noch fest überzeugt. Jedenfalls saß ich Vincent, mit roten Augen und roter Nase, gegenüber und schniefte in meinen Schnaps, während er mir seinen üblichen Neujahrs-Blues vortrug: Das Leben ist kurz und ungerecht. Die Frauen sind hässlich oder doof. Und der Gin schmeckt nicht, mit dem billigen Bitter-Lemon von LIDL. Ich hörte es mir an, wie man das von einem guten Freund erwartet, und sorgte gleichzeitig für permanenten Nachschub an Espresso und Wodka.

Um Mitternacht standen dann zwei Löwe-Singlemänner, einer Mitte Dreißig, einer Mitte Vierzig, auf einem kleinen Balkon in Berlin und schossen abwechselnd 'Horoskop-Raketen' auf LIDL um sich für den beschissenen Gin zu rächen. Als wir damit fertig waren, schoss sich Vincent bei der Gelegenheit auch gleich noch endgültig selbst mit einem großen Glas Wodka/Sekt ins Off. Prost. Danach stand er kichernd und besoffen vor meinem mp3-Player und spielte alte Depeche-Mode-Songs, während ich versuchte, diverse Privat-Party-Optionen abzutelefonieren, um herauszufinden, welche die beste sei. Wir entschieden uns für eine Party in einem kleinen Club in Neukölln.

Um 2:30Uhr verließen wir meine Wohnung und standen erstmal direkt auf einem Mini-Rave im Treppenhaus. Die Silvester-Party der Mädchen-WG neben mir schien sich wohl mit der Party der Jungs-WG unter mir im Treppenhaus zusammen geschlossen zu haben. Die drei Stockwerke bis nach unten waren jedenfalls ein Slalom, vorbei an betrunkenen Menschen, leeren Flaschen und Erbrochenem. Ich musste Vincent nach jeder Treppe daran erinnern, weiter zu gehen, weil er in seinem Zustand jeden, der ihm begegnete, anquatschte. Und genau dieses Programm zog er auch den kompletten Weg, inklusive U-Bahn-Fahrt, bis zur Party in Neukölln durch. Ich musste ihn von einigen Mädchen-Gruppen fast wegzerren. Jeder Pick-Up-Coach wäre stolz auf ihn gewesen. Alkohol ist eben der eigentliche Zaubertrank der sozialen Interaktion. Scheiß auf Inner-Game!

Als wir auf der Party ankamen war mir immer noch schlecht von der U-Bahn-Fahrt. Vielleicht war es auch meine Erkältung. Oder die zwei Liter Espresso-Wodka-Mischung in meinem Magen. Es war eine Gruppe alter Schulfreunde von mir dort, einige aus Amsterdam und Istanbul angereist, manche hatte ich weit über ein Jahr nicht gesehen. Ich lies mich einmal rumreichen und von jedem drücken und landete schließlich an der Bar. Ich bestellte Bier, um meinen Magen zu beruhigen. Eigentlich hätte ich doch Arzt werden sollen. Der Club war gerammelt voll und die, wohl hauptsächlich zugezogene, Studentenschaft heftig am feiern und tanzen. Es lief Old-School-HipHop. Ganz was verrücktes.

Vincent bestückte sich mit einem großen Wodka mit Eis und hing direkt am ersten Mädchen. Ich stand mit meinem Bier an der Bar und fragte mich, was heute denn mit mir los sei. Ich fühlte mich nicht nur krank sondern auch nüchtern. Eigentlich eine besonders gemeine Mischung. Ich bewegte mich ein wenig zur Musik, kam aber überhaupt nicht in Partystimmung. Nach ein wenig Small-Talk auf der Tanzfläche zog ich mich wieder an die Bar zurück. Die Nacht schien langsam zu kippen. Normalerweise hätte ich mit einer Alkohol-Dosis-Steigerung reagieren können, aber selbst darauf hatte ich nicht wirklich Lust. Ich stand weiter an der Bar und beobachtete still das bunte und laute Treiben um mich herum. Ich hatte kurzzeitig das Gefühl, alle würden ein Stück von mir zurückweichen, ich fühlte mich nicht richtig anwesend, und selbst die laute Musik und das Geplapper der Leute kam mir plötzlich extrem leise und gedämpft vor, als würde ich einen Film ohne Ton sehen. Ich sah ein Pärchen vor mir an der Bar wild knutschen und hinter ihnen die Hände der tanzenden Meute in der Luft. Ich entdeckte Vincent am anderen Ende der Bar im innigen Gespräch mit einem anderen Mädchen. Alles war irgendwie surreal und weit weg. Ich wurde kurz ganz ruhig und entspannt und fand alles richtig und gut um mich herum. Ich fühlte mich irgendwie 'NICHT' – weder gut noch schlecht – einfach 'NICHT'. Normalerweise hätte ich den Drang verspürt, mit zu machen, zu trinken, zu tanzen oder Frauen anzusprechen, ein Teil zu sein von dem großen, sozialen Autoscooter um mich herum. Für den Moment hatte ich auf nichts davon Lust und es war komischerweise auch mal völlig in Ordnung so.

Als die Musik wieder lauter wurde, war mein Bier leer. Ich bestellte mir ein neues und gesellte mich zu einem Freund, an den Rand der Tanzfläche. Vincent kam noch einige Male vorbei, wippte ein wenig mit und beschwerte sich über die Damenwelt: „Was soll der Mist? Wieso haben die eigentlich alle einen Freund oder sind verheiratet? Und wenn die alle so glücklich und vergeben sind, warum sind sie dann nicht gefälligst zuhause und vögeln?“. Er wirkte ungewöhnlich aufgedreht und voll auf sein Ziel – Frauen - fokussiert.

Um 5:00Uhr hatte Vincent, nach eigenem Bekunden, jede interessante Frau im Club angesprochen. „Der Laden ist verbrannt“ meinte er kurz und unbefriedigt. Er wollte weiterziehen. Mir war es egal und so einigten wir uns darauf, uns wieder in die U-Bahn zu begeben und in unser gewohntes Revier zu fahren. Dort angekommen, hatte Vincent Hunger und wir gingen in unsere Lieblingspizzeria. Ich war inzwischen derart nüchtern, dass ich es kaum glauben konnte, und mir war klar, würde ich jetzt auch noch etwas Warmes essen, so wäre die Nacht für mich gelaufen. Wir aßen und amüsierten uns über den lautstarken Kampf der übermüdeten Pizza-Jungs mit dem betrunkenen Berliner Partyvolk.

Danach verabschiedete ich Vincent in die Nacht. Mir war völlig klar, dass er in den nächsten Club ziehen würde. Er war noch nicht fertig mit Silvester und den Frauen. Ich wollte in mein Bett. Und das zum ersten Mal seit langem, weder auf diese betrunken-kollabierende noch auf diese frustriert-unzufriedene Weise. Ich fand es völlig in Ordnung, entspannt nachhause zu gehen, statt noch eine Bar und noch einen Club, und darin mein 'Glück', zu suchen.

Zuhause angekommen war das Treppenhaus ein Schlachtfeld. Konfetti, Luftschlangen, Bierflaschen und einiges Unaussprechliches zierten die Stufen bis zu meiner Wohnungstür. Die Tür der WG unter mir, und die Tür der Mädchen-WG standen offen und dumpfes Techno-Gewummer kam aus beiden Wohnungen. Nein, auch das wollte ich mir nicht ansehen. „Man muss seinen Nachbarn ja auch noch mal in die Augen sehen können“ dachte ich mir, und dafür sollte man es vielleicht vermeiden, ihnen morgens um 7 auf Drogen, oder kotzend über ihrer Kloschüssel, zu begegnen. Verdammt! Geht es jetzt los? Werde ich jetzt doch noch erwachsen?



Gegen 15:00Uhr meldete sich heute Vincent bei mir. Ich war bester Laune und gerade damit fertig geworden, meine Küche zu wischen und meine Wohnung aufzuräumen. „Guten Morgen“ krächzte er in den Telefonhörer. Wie es denn noch gelaufen sei, fragte ich und nippte an meinem Kaffee. Er erzählte mir kurz von dem kleinen Techno-Schuppen in dem er gestrandet sei. 'FICKN' sei dort in großen Buchstaben, aus silbernen Luftballons, über der Bar gestanden. Das E war schon zerstört gewesen. Aber der Club hatte nicht halten können, was die Luftballons versprachen. Weder Ficken, noch Fickn war für ihn drin gewesen. Beziehungsweise, drin wäre es wohl schon gewesen, aber die zwei Mädels, die ihn dort noch morgens um 9 angetanzt hätten, wären ihm einfach zu durch und zu kaputt gewesen. Er hatte sie der Meute und der Nacht überlassen. Oder wem auch immer.

Ich bin heute den ganzen Tag nicht wirklich dahinter gekommen, ob es nur meine Erkältung war, die mir so die Energie genommen hatte, oder ob dieser ganze Club-Kram einfach von mir letztes Jahr etwas überstrapaziert wurde und daher stark an Reiz eingebüßt hat. Eigentlich ist es auch egal. Ich habe mich gestern Nacht, ganz ohne Vollrausch und ohne Frau, ziemlich zufrieden in mein Bett gelegt. Eigentlich deutlich zufriedener als in vielen Nächten davor. Das könnte ja auch eine Verbesserung sein. Scheiße, oder ich werde echt erwachsen!! Ich sollte das doch lieber beobachten. Wenn es nicht wieder anders wird, muss ich es wohl mit kalter Luft, lautem Punkrock, Zigarettenrauch und Alkohol behandeln. Mit solchen Alterserscheinungen ist nicht zu spaßen.


Ich wünsche euch allen ein großartiges 2014!



Elia


24. Dezember 2013

Unfälle und andere Unfälle

 
A tear of petrol
Is in your eye
The hand brake
Penetrates your thigh
Quick - Let's make love
Before you die

- The Normal, Warm Leatherette


Ich sitze im Zug in Richtung Süden. Nicht weil mein Leben gerade so spannend und toll ist und ich von Land zu Land und Stadt zu Stadt hoppe, um die Schönheit meiner Existenz abzufeiern, sondern um mich eventuell von einem todkranken Menschen zu verabschieden. Angeblich soll einen so ein Scheiß ja zum Mann machen. Was natürlich Blödsinn ist. Wer schon einmal geliebte Menschen verloren hat, weiß, dass einen das weder zum Mann, noch zur Frau, noch zu sonst irgendwem macht. Es macht einen traurig und still; ernst und langsam manchmal. Sonst gar nichts.

Die letzten Wochen, eigentlich Monate, hatte ich wenig Lust zu schreiben. Das Thema fühlt sich irgendwie durchgekaut an. Es macht mich müde. Boy meets girl. Uralt und eigentlich tolles Thema, aber irgendwie auch weder Atomphysik noch eine Kulturrevolution. Die 'Szene' enttäuscht mich zunehmend und entzaubert sich mit der Zeit mehr und mehr selbst. Phlegmatisch und bemitleidenswert hilflos wartet ein großer Teil still und leise darauf, vom Internet und ein paar überteuerten DVDs zu einem neuen, besseren Menschen gemacht zu werden. Ein anderer Teil verkauft ihnen skrupellos dumpfes Allgemeinwissen als heilbringende Lösung, feiert sich selbst als Helden der Neuzeit, weil sie wissen, wie man das eine Ding in das andere steckt, und kassiert dafür auch noch Kohle, als hätten sie wirklich etwas geleistet. Der Rest begibt sich, auf Grund fehlender Lösungen, auf die Suche nach einem Schuldigen für ihr Elend und verteufelt dann abwechselnd die moderne Gesellschaft dafür, dass sie nicht 'Mann sein dürfen', anstatt zu begreifen, dass Freiheit wäre, nicht 'Mann' sein zu müssen, sondern man selbst sein zu dürfen, und natürlich die Frauen dafür, dass sie nicht so funktionieren wie man es sich in unreifen Jungen-Träumen, fragwürdigen Internet-Foren und konservativen Männerbünden vorstellt, sondern eben leider doch eigenständig denkende Individuen sind. Nicht zu vergessen die Handvoll emotionaler Krüppel, die ihre Angst vor Frauen, Gefühlen und Verletzlichkeit damit verstecken, dass sie zwischenmenschliche Kälte, pornografisch-mechanische, entmenschlichte Sexualität und Respektlosigkeit als erstrebenswertes Ziel, als 'befreite Sexualität' oder als 'unverschleierte, harte - aber eben ehrliche - Wahrheit' verkaufen und damit einer verzweifelten, leicht steuerbaren Gruppe junger Männer beibringen, ihre persönliche Sozialstörung sei die eigentliche Norm und der Rest der Welt sei krank, verlogen oder zumindest dumm. Am Ende feiern dann Männer, die eigentlich in die Community kamen, um eine Frau zu finden, die sie ehrlich liebt, jemanden, der in seinen Texten anderen Menschen zwar schon so ziemlich überall hin gespritzt hat, aber in dieser langen Zeit noch kein einziges Mal irgendein emotionales Interesse an anderen geäussert, sich vielleicht sogar mal verliebt, geschweige denn sich überhaupt mit Menschen jenseits ihrer Körperöffnungen beschäftigt hat. Und all das tickertackert Woche für Woche vor sich hin, ohne dass die 'Szene' es kritisiert oder wenigstens hinterfragt. Das traut sich anscheinend keiner. Kritik wird hier streng hierarchisch nur von oben nach unten verteilt. Aber 'Alpha' wollen sie dann schon alle werden. Schade eigentlich. So viel Potential. So viel Gequatsche von Mut und Aufstehen und 'für sich einstehen'... Aber die Herde schaut nur kurz auf, und lässt sich dann weiter füttern, mästen und schlachten. So, jetzt reicht's aber auch wieder... Schluss! ...Stopp!... Aus!...Willst du wohl.... Aus jetzt!! Ich wollte doch eigentlich nicht mehr so viel abkotzen... und es gibt ja auch einige echt tolle, bunte Schafe in dieser Herde, bei denen ich sehr dankbar bin, sie über diesen komischen Weg gefunden zu haben... Bin ja jetzt außerdem auch schon an Leipzig vorbei und die Landschaften werden blühender. Also zurück zum eigentlichen Thema: Die letzten Monate und vor allem ihre seltsamen Wochenenden.



Scheiße ohne Erdbeeren


Ich überholte die Straßenlaternen und mein Schatten überholte mich. Die Steinplatten bildeten unter mir seltsame Muster, während ich absurd schnell einen Fuß vor den anderen setzte. Es war einer dieser Heimwege, an die ich mich sicher morgen nicht mehr erinnern würde. Sturzbetrunken und wie auf Schienen oder Autopilot flog ich durch meinen Kiez; mein mp3-Player dröhnend laut und beide Hände in den Jackentaschen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber der Himmel hatte schon dieses neonblaue Leuchten. Ich genoss den Rausch, interpretierte in jede Textzeile ozeantiefe, persönliche Bedeutung und versank in meiner Alkohol-Romantik. Ich blickte nur auf den Boden, schloss gelegentlich die Augen, sang leise mit und ergab mich ganz der gerechten Willkür der Spätsommernacht, als ich überraschend und hart mit dem Gesicht gegen ein Metallschild schlug. Genau genommen stolperte ich erst über die knöchelhohe Umzäunung einer dieser kleinen Grünflächen, die hauptsächlich dazu dienen von Hunden vollgeschissen zu werden, und fing mich dann, da ja beide Hände in meinen Jackentaschen, elegant mit dem Gesicht an dem, gegen die Grünfläche geradezu riesig wirkenden, Hunde-Verboten-Schild ab. So richtig erinnern kann ich mich eigentlich nur an das metallische Krachen; wahrscheinlich hatte ich gerade die Augen geschlossen. Nach dem ersten Schreck sah ich mich kurz um und musste zum einen feststellen, dass ich in einem kleinen Gebüsch lag und zum anderen, dass ich sonst eigentlich fast nichts sah, was da herrührte, dass ich meine Brille leider nicht mehr aufhatte und dass es auch noch ziemlich dunkel war. Ich tastete einige Minuten halbblind den Boden in meiner Umgebung ab, fand aber nichts und stand erstmal auf, um mir den Dreck abzuklopfen und nochmal nach Blut oder anderen Anzeichen einer Verletzung zu suchen. Ich stellte fest, dass ich ausser meiner Brille und meiner Coolness erstmal nichts verloren hatte und fühlte den deutlichen Impuls die Szenerie dieser Erniedrigung möglichst schnell zu verlassen. Aber das ging leider nicht. Ich konnte unmöglich meine teure Brille in diesem wahrlich beschissenen Gebüsch zurücklassen. Es half alles nichts. Ich musste zurück auf den Boden. Und das in so vielen Bedeutungen gleichzeitig.

Ich versuchte es mit Hinknien, aber so erreichte ich nur den äußeren Rand dieser urbanen Installation aus Müll, Pflanzen und Kot. Nach 2 Minuten Wühlen begann ich damit, kleine Büschel Unkraut herauszureißen, sie nach Brillenspuren abzusuchen und wütend hinter mich zu werfen. Als auch das keinen Erfolg brachte, erkannte ich, dass kein Weg daran vorbeiführte, mich wieder auf alle Viere zu begeben und tiefer in das Gebüsch zu kriechen. Ich buddelte mit beiden Händen in dem, wovon ich mir wünschte, es wäre nur Erde. Ich fluchte innerlich und schwor, hier nicht ohne meine Brille wegzugehen. Als ich neben mir Schritte hörte, und beim Hochsehen, den fragenden und gleichzeitig verächtlichen Blick des Mitte-Hipsters sah, der gerade an mir vorbeiging, wurde mir bewusst, dass es in meinem Leben wohl bisher keinen Moment gab, an dem ich näher an einem Penner war als diesen hier. 34 Jahre alt, sturzbetrunken, auf allen Vieren in einer von mir selbst gut durchgerührten Mischung aus Scheiße, Dreck, noch mehr Scheiße und einer verbogenen Designer-Brille – so blickte ich also von unten auf das neue, coole Berlin. Und es ging ohne zu stoppen, oder sich noch einmal umzudrehen, an mir vorbei. Wäre ich besser drauf gewesen, hätte ich ihm sicher etwas Schlaues hinterhergerufen. Aber ich war ja damit beschäftigt, Unkraut, Erde und Hunde-AA blind nach der jeweiligen Konsistenz zu sortieren. Ich hatte also deutlich wichtigeres zu tun. Die guten ins Töpfchen, die schlechten hinter mich auf den Gehweg...

„Was ist ihnen denn passiert?“ fragte mich die Frau in dem kleinen Brillengeschäft am nächsten Nachmittag. „Sagen wir, ich hatte einen kleinen Unfall“ antwortete ich und versuchte sie, mit dem einen Auge unter- mit dem anderen über dem Brillenrand, zu fixieren. Erst als ich wieder in meiner Wohnung war und das Ergebnis ihres halbstündigen Biegens in meinem Spiegel prüfen wollte, entdeckte ich die riesige, rote Beule auf meiner Stirn. Ich legte meine Brille ab, und mich wieder ins Bett, zog mir die Decke über den Kopf und lies der Welt den ganzen restlichen Samstag Zeit, mich ausgiebig am Arsch zu lecken.



Last Minute Resistance
Oder: So sind wir Männer eben...


Es war eine der letzten Nächte, die noch sommerlich genug war, dass sich das schwarzgekleidete Grüppchen Menschen vor statt in meiner Stammbar aufhielt. Kaum bog ich um die Ecke, hörte ich schon das liebliche Klirren von Bierflaschen, die laute Musik und das angenehme Gegrummel von vielen betrunkenen Menschen, die sich dummes Zeug erzählten. Als ich mich den dunklen Gestalten auf 10 Meter genähert hatte, hörte ich meinen Namen. Wing3 kam mir, so freudig und so torkelnd wie ein Kleinkind, entgegen gestolpert, fiel mir um den Hals und drückte mir eines der zwei Biere in die Hand, aus denen er offensichtlich vorher abwechselnd getrunken hatte. Er lallte mir dazu irgendetwas völlig unverständliches und nasses ins Ohr, das ich als überschwänglich freundliche Aufforderung interpretierte, sein halbvolles Geschenk anzunehmen und mit ihm zu feiern. Ich lobte ihn, wie man eine Katze lobt, die einem einen toten Vogel vor die Füße legt und nahm glaubwürdig dankbar einen tiefen Schluck des warmen Speichel/Bier-Gemischs. Der Abend versprach jetzt schon spaßig zu werden.

Mein treuer Wochenend-Freund zog mich sofort die letzten Meter bis vor die Bar und stellte mir schwankend zwei Mädchen vor. Eine davon war die kleine, rothaarige V, die er mir schon bestimmt vier Mal im letzten Jahr vorgestellt hatte. V hatte, seit sie sich von ihrem DJ-Freund getrennt hatte, fürchterlich angefangen zu koksen und ihre offen zur Schau gestellte Supercoolness lies darauf schließen, dass sie auch heute Abend schon reichlich Näschen gepudert hatte. Ihre Freundin kannte ich nicht, aber sie wirkte nicht weniger abwesend. Wir wechselten trotzdem die üblichen Inhaltslosigkeiten, während ich mein halbes Bier vernichtete. Dann packte mich Wing3 auch schon wieder am Arm. „Los! Wir gehen rein!“ frohlockte er, zog mich bis zur Tür, stoppte dort, blickte nachdenklich auf sein Bier und an sich herunter und meinte dann, als sei ihm die Lösung eines schwerwiegenden Problems eingefallen: „Moment. Das geht so nicht...“. Daraufhin zog er sich vor mir, der versammelten Gemeinde vor der Bar und dem verdutzten Türsteher erst die Hose herunter, goss sich dann sein restliches Bier über den Kopf, kommentierte dies kurz und hochzufrieden mit „so. jetzt.“ und marschierte in kleinen Schritten mit seiner Hose an den Knöcheln an mir und dem Türsteher vorbei in den Laden und direkt an die Bar um sich ein neues Bier zu bestellen. Ich wartete gespannt auf die Reaktion des Türstehers. Als mich dieser nur vergnügt angrinste und meinte „na dit kann ja noch lustich werdn, wa?“ wusste ich mal wieder, warum dieser Laden meine Stammbar ist.

Ich folgte also dem Beispiel des biergetränkten Freaks und bestellte mir neben ihm am Tresen ebenfalls ein neues Erfrischungsgetränk. Allerdings behielt ich meine Hose dazu an. Dafür fühlte sich der langhaarige Barkeeper anscheinend um so inspirierter von Wing3 und entledigte sich, bevor er mir ein Berliner über den Tresen schob, seines Hemdes. Ich befürchtete schon es würde mal wieder zu einer allgemeinen Entkleidungswelle in der Stammbar kommen, aber dafür war es wohl noch zu früh am Abend. Auch Wing3 erkannte die bewegungstechnischen Einschränkungen seiner Entscheidung, die Hose um die Schuhe zu tragen, und zog sich nach einigen Minuten des coolen am-Tresen-Lehnens, die Hose wieder hoch. Hatten ja jetzt auch alle mitbekommen. Wir tranken und spaßten uns im weiteren Verlauf des Abends immer wieder kreuz und quer durch die Bar, bis wir schließlich, wie zwei müde Krieger nach der Schlacht, auf einer Bank in einer Ecke strandeten. Wing3 zeigte deutliche Ausfallerscheinungen, während ich noch relativ aktiv war und in der Sorge, meinen tapferen Kameraden an den bösen Flaschengeist zu verlieren, nach einer kurzen Erholungspause versuchte am Tresen Leitungswasser zu bekommen, um ihn vor dem herannahenden K.O. zu bewahren. Als ich endlich mit dem großen Glas Wasser vor ihm stand, war er leider bereits dem Türsteher aufgefallen. In für ihn typischer Pose lag er, halb auf seinen Ellenbogen gestützt, mit offenem Mund und geschlossenen Augen, quer über der Bank und erinnerte wie immer an ein Kriegerdenkmal auf einem beliebigen Soldatenfriedhof. Ich hatte ihn so schon einige Mal, und auf den unterschiedlichsten Untergründen, liegen sehen. Es war immer wieder wahrlich ein Bild für Götter. Doch noch bevor ich etwas sagen konnte, nahm der sonst so friedliebende Türsteher Wing3s Nase zwischen seine Finger und zog ihn an dieser nach oben, bis Wing3 ihn mit aufgerissenen Augen anstarrte. „Weest ja was wa ausjemacht ham, oda? Wenn de penn' willst jeste Heim!“ erklärte der Türsteher dem verwundeten Kameraden kurz und zog sich dann an die Front zurück. Zumindest musste ich ihn jetzt nicht mehr wecken.

Ich legte sofort meine Schwesternuniform an, zog mir die kleine, weiße Haube auf und nahm die Erstversorgung des immer noch verwirrten Kollegen vor. Nach ein paar Schluck Wasser kam er halbwegs zu sich. Doch statt ihn nach Hause zu schicken, was ich wahrscheinlich hätten tun sollen, begann ich ihn zu überreden, mit mir weiter in Club1 zu ziehen. Zu meiner Überraschung war er zwar nur schwer in der Lage das Wasserglas ordentlich zu halten, zeigte sich aber von meinem Vorschlag in den Club zu gehen sofort absolut begeistert. Er ist eine wahrlich tapfere Seele. Gott segne ihn.

Ich half ihm auf und wir verabschiedeten uns von dem finstren Ort und machten uns gemeinsam auf den Weg in den Nächsten. Der Club war erstaunlich leer. Einige letzte versprengte Grüppchen fielen und tanzten quer durch den Laden, aber die Schlacht war wohl bereits geschlagen und die Massen schon auf dem Weg in die Betten, um ihren Rausch auszuschlafen oder diesen komischen 'Sex' zu haben von dem immer alle reden. Ein Blick auf die Uhr erklärte mir die Situation. Es war kurz vor 6, und Club1 nicht für die längsten Parties bekannt. Wing3 steuerte quer über die Tanzfläche ein altes, ekliges Sofa an als wäre es ein frisch gemachtes Bett. Ich beschloss erstmal die Bar zu besuchen, um mir ein feines, kleines Bierchen zu genehmigen. Als ich zurückkam und mich dem Rand der Tanzfläche näherte fielen mir zwei Mädels auf. Sie tanzten relativ nahm am DJ-Pult und passten beide nicht so ganz zu dem für Club1 üblichen Publikum. Die eine war groß und blond, die andere extrem klein und dunkelhaarig. Beide waren sehr schlank und für Club1 etwas zu prollig gestylt. Die Kleine fixierte mich schon von weitem und kam, als ich sie ansah, direkt auf mich zugesteuert. Sie packte mich am Arm und zog mich auf die Tanzfläche. Als jemand, dem so etwas vielleicht alle zehn Monate mal passiert, reagierte ich leicht überfordert. Ich tanzte zwar ein wenig mit, tat aber vor allem das, was ich immer tue, wenn ich nicht weiß wie ich reagieren soll: Ich fing an zu reden. Und in Ermangelung angemessener Reaktionszeit natürlich auch gleich noch ziemlich dummes Zeug.

Elia: „Na, ihr gehört doch eigentlich gar nicht hier her?“

Einmeterfünfzig: „Hä? Wie meinste denn das?“

Elia: „Na ihr zwei gehört doch eigentlich eher ins XXX(prolliger Teeny-Hardrockschuppen).“

Die Mädels flüsterten und kicherten.

Einmeterfünfzig: „Ja, stimmt. Da sind wir auch immer. Aber das is ja nur Donnerstags.“

Ich tanzte noch eine Weile mit ihr und redete ähnlich inhaltsfreien Dünnschiss. Die Kleine stand ganz eindeutig auf mich. Ich sah sie mir nochmal genauer an. Man will ja schließlich keine voreiligen Entscheidungen treffen. Sie war wirklich winzig, schien aber einen ziemlich guten Körper zu haben. Der Rest an ihr verhieß allerdings keinerlei Gemeinsamkeiten mit meiner Welt. So weit ich mich erinnere hatte sie ein Piercing im Gesicht, ihre seltsam unechte Bräune ließ auf den regelmäßigen Besuch im Sonnenstudio schließen, die hüftlangen, glatten, schwarzen Haare schrien förmlich 'Extensions' und auch der Stil ihrer Klamotten roch irgendwie nach Arschgeweih, Golf III und Böhse Onkelz. Mädels wie sie verirrten sich eigentlich selten in kleine Kellerclubs, sondern sammelten sich normalerweise in den Großraumdissen und Jugendzentren im Brandenburger Umland oder den Touristenfallen in Friedrichshain. In meinem Kopf begann eine wilde Diskussion. Die eine Hälfte meiner inneren Stimmen plärrte, ich solle gefälligst jetzt mal die Gelegenheit beim angeschweißten Zopf packen und hoffen dass dieser hält, die andere Hälfte schüttelte ungläubig und verächtlich den Kopf über den Gedanken, mit dieser Frau alleine zu sein, geschweige denn eine längere oder auch nur kurze Unterhaltung zu führen. Ich selbst war in erster Linie mal verwundert über ihre Reaktion auf mich, da nach meiner Erfahrung Mädels wie sie eher auf tätowierte Typen mit gestählten Brustkörben, viel zu kleinen Ed-Hardy-Shirts und peinlichen Alufelgen abfahren, statt auf blasse, kleine Glatzköpfe mit Brille. Sie begann mich ziemlich eindeutig (ich hasse schon das Wort) 'anzutanzen'. Es blieb nur noch Kampf oder Flucht. Ihr kennt mich. Ihr wisst, dass ihr euch auf mich verlassen könnt. Ich wählte die Flucht.

Obwohl ich aus dem Augenwinkel beobachtete, wie Wing3 sich zwar kaum noch auf den Beinen halten konnte, aber trotzdem von zwei Mädchen gerade vom Sofa und, durch eine sonst verschlossene Tür, in den Backstage gezerrt wurde, berief ich mich darauf, meinen sozialen und gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen zu müssen:

Elia: „Ähm... ich muss mal nach meinem ...äää... Kumpel... schaun.“

Einmeterfünfzig: „Ok, ich komm mit!“

Ich war irritiert. Die Realität bewies mir mal wieder zwei Dinge: Zum einen, dass dieser ganze Pick-Up-Schmonz von wegen, der Mann muss immer diesunddas machen und die Frauen lassen sich 'gamen', genau so wahr ist wie der Weihnachtsmann und zum anderen, dass es dem Universum einen Heidenspaß macht, seinen dreckigen Finger in meine Pick-Up-Wunde zu legen und dann noch genüsslich drin rum zu popeln. Jetzt hatte ich also monatelang nach einer Gelegenheit geplärrt, engeren Körperkontakt unter Alkoholeinfluss mit einer mir völlig unbekannten Person zu praktizieren, und nun als sie, winzig klein, betrunken und bereit mir zu folgen, vor mir stand ging mir nichts anderes durch den Kopf als: „Oh. Scheiße.“

Mein Hinweis darauf, dass sie aber doch mit ihrer Freundin hier sei, wurde von der kleinen, aber extrem entschlossenen Frau schweigend in den Wind geschlagen und so blieb mir nichts anderes, als mich mit ihr auf die Suche nach meinem 'verlorenen Freund' zu machen. Ich fühlte mich stark an diesen blöden Dreiteiler mit dem Ring und den scheiß Zwergen erinnert. Speziell als wir im Gänsemarsch die endlos lange Treppe in den oberen Bereich des Clubs hinaufstiegen wie einen Bergpass, und ich das beklemmende Gefühl hatte, sie würde mir jetzt auch ohne zu zögern in einen dunklen Wald folgen. Oben angekommen suchten wir meinen Freund. Das hatte ich ja schließlich so gesagt. Die Suche endete, wie zu erwarten war, erfolglos. Und so standen wir schließlich ziemlich planlos und schweigend zwischen den leeren Sitzecken voreinander. Die Barleute räumten im Hintergrund bereits Stühle, Gläser und Müll zusammen und ich blickte hilflos in Richtung meines Bauchnabels, auf dessen Höhe mich diese fremde Frau anstarrte. Es vergingen einige Sekunden und nur ein sozial völlig behinderter Idiot hätte nicht gecheckt, worauf sie wartete. Der Druck stieg. Ich wusste, ich würde im Pick Up Forum erst geköpft, dann ausgelacht, dann im Gesicht angemalt und dann gebannt, wenn ich jetzt nicht tue, was man eben tut, wenn man morgens um 7 mit einem betrunkenen Mädchen im Club steht und sie einen so ansieht.

Mir kam es ewig vor. Es fühlte sich ein bisschen an wie Sterben, nur dass nicht mein Leben an meinem inneren Auge vorbeizog, sondern eine komische Liste an Plus- und Minus-Punkten. Beide Seiten der Liste waren nicht allzu lang. Auf der Plus-Seite erschien als erstes ihr offensichtlich guter Body, gefolgt von einigen ekligen Eimern voller Erwartungen, Rollenklischees und sozialem Druck a'la 'Mann sein müssen' (Hallo Philipp Czerny!), 'Eskalieren müssen', 'Comfort Zone sprengen' und dann natürlich dem Respekt anderer Kerle in Forum, facebook und natürlich auch, nicht zu vergessen, dem 'echten Leben'. Auf der Minus-Seite meldete sich vor allem der kleine, introvertierte Kontrollfreak in mir zu Wort. Ich fragte mich, worüber ich mit dieser Frau nur jemals reden sollte? Morgen früh? Im Taxi? Auf dem Weg aus dem Club? Jetzt?... Über Rammstein-Konzerte, 'Hang-Over-III' und was man alles mit Jägermeister mischen kann? Über Tribal-Tattoos, Pfefferminzlikör, Fitnessstudios und Pauschalurlaub auf Malle? Und wie das überhaupt jetzt laufen soll?...Mein Kopf malte sich diverse Szenarien aus. Ob sie dann überhaupt bei mir pennt? Oder ob ich sie danach nachhause schicke? Wie ich jetzt überhaupt auf solche Scheiß-Fragen komme, wo doch noch gar nichts passiert ist? Und dann war sie vor allem ja ein fremder Mensch! Oh my god! Und das auf so vielen Ebenen. Wir waren uns nicht nur fremd, sondern hatten tatsächlich noch keine zehn Sätze miteinander gewechselt. Wollte ich wirklich diesen fremden Menschen in meiner Wohnung, in meinem Bett, in meinem Mund? Alle anderen wollen das doch auch immer... Und sie starrte mich immer noch so erwartungsvoll an. Dabei war ich doch noch mitten in der Minus-Liste! Ich müsste mich sowieso setzen. Ja richtig, setzen. Sie war ja viel zu klein. VIEL zu klein! Ich müsste mich ja sonst bücken! „Wollen wir uns setzen?“ ging mir durch den Kopf. Vielleicht hatte ich es auch ausgesprochen, ich weiß es nicht mehr. Aber der Moment war bereits vorbei. Das konnte man spüren und vor allem sehen. Ihr Blick war ein anderer. Die Erwartung war weg. Da war nix zu holen. Es war so verzweifelt wie blödsinnig. Zwei betrunkene Menschen morgens um 7 in einem leeren Club. Es sprach einfach nichts dafür, mit dieser Frau Sex oder sonst irgendwas zu haben, ausser der wagen Möglichkeit dazu und der Aussicht auf Reibung und Wärme. Es verband uns nichts und ich konnte für mich zumindest sagen, dass mich nichts an ihr anzog, ausser der Tatsache, dass sie der Hälfte der Menschheit angehörte, die keinen Penis ihr Eigen nennen kann.

EJECT. So heißt das ja im Pick-Up. Oder vielleicht besser 'Last Minute Resistance'? Wobei es in meinem Fall wohl eher eine 'First Minute Resistance' war. Beides ist im Pick Up leider nur für Wesen ohne Penis vorgesehen. Männer haben eigentlich gefälligst immer zu wollen. Freiheit ist irgendwie was anderes. Wir gingen zusammen wieder nach unten. Glaube ich zumindest. Die Zeit und der Alkohol haben die Erinnerung an den Abend schon etwas ausbleichen lassen. Irgendwo um die Tanzfläche herum trennten sich unsere Wege und auch Wing3 tauchte nicht mehr auf.

Ich verlies, halb frustriert, halb geschmeichelt, den Club. Zwei Häuser weiter stolperte ich in einen winzigen Gothic-Schuppen. Auf der Tanzfläche waren genau noch zwei Mädels. Beide nicht mein Fall. Ähnliche Klientel wie die beiden Tanzmäuse in Club1. Vielleicht hätte man die Vier miteinander bekannt machen sollen...Ich drehte nach 30 Sekunden um und ging wieder raus auf die Straße. Ich lief in Richtung des Absturzclubs und musste dabei über mich selbst schmunzeln. Wie unvermittelbar bin ich eigentlich wirklich? Sind meine Ansprüche tatsächlich so absurd hoch oder speziell? Hat das was mit dem Alter zu tun? Ist das die berühmte 'Verkorkstheit' der Ü-30er-Singles? Fragen über Fragen. Ich erkannte, dass nur Alkohol mir hier weiterhelfen konnte.

Im Absturzclub trank ich ein Bier und bekam Lust zu tanzen. Leider war die Musik so abgrundtief scheiße, dass ich auch diesen Laden wieder verlies und mich auf den Weg in die Hass-Bar machte. Die Hass-Bar ist ein verkokster, schmutziger, kleiner House-Schuppen in dem man aber bis in den Nachmittag hinein gut feiern kann, vorausgesetzt man schafft es die versnobten Schnösel und die dazugehörigen Blondinen zu ignorieren. Ich kaufte mir dort ein letztes Bier und stellte mich in die zuckende Menge, als ich plötzlich ein breites Grinsen auf der anderen Seite der winzigen Tanzfläche entdeckte. Es war Wing2. Ich hatte nicht mehr mit sozialem Kontakt gerechnet, und war eigentlich auch nicht mehr wirklich in der Lage dazu. Wir begrüßten uns also kurz und nickten dann nebeneinander zum monotonen Beat.

„Irgendwas scheine ich heute auszustrahlen“ dachte ich mir, als mir nach einigen Minuten auffiel, dass mich der DJ seltsam freundlich anlächelte. Als ich seinen Blick etwas fragend erwiderte, führte er mir kunstvoll pantomimisch den Konsum einer Line Koks vor. „Hervorragende Idee“ dachte ich mir „guter Mann“ und machte mich auf den langen Weg, die kurze Strecke durch die dichte Menge bis zum DJ-Pult. Dort angekommen stellte ich mich neben meinen neuen Freund. Der freute sich und begrüßte mich herzlich mit „und?“. „Ja. Los...“ gab ich ebenso ausführlich zurück und wartete auf meinen versprochenen Fitmacher. „Hast du Koks?“ plärrte der DJ mich jetzt etwas konkreter an. „Ne, ich dachte du“ gab ich zurück. Und da war er wieder. Dieser enttäuschte Blick. Ich schien in dieser Nacht einfach niemanden glücklich machen zu können. Auch aus dieser peinlichen Situation blieb mir nur die Flucht und schon wieder hinterließ ich einen Menschen, dem ich einfach nicht geben konnte, was er von mir wollte.

Ich zuckte noch eine Weile neben Wing2, dann zog es mich wieder hinaus. Ich war endlich richtig betrunken und der festen Überzeugung jetzt mein Glück im Absturzclub finden zu können. Dazu kam es allerdings nicht mehr. Ich scheiterte auf der Hälfte des Weges und winkte mir mechanisch eines dieser schönen, gelben Rettungsboote heran, das mich nachhause in mein geliebtes Bett brachte. Ob das Mädchen und der DJ in dieser Nacht noch bekamen, wonach sie sich sehnten, weiß ich nicht. Ich ging jedenfalls schlafen. Ohne Sex und ohne Koks.



Der Morgen an dem mein Gewissen begann mich zu siezen


Ich habe diesen Text auf dem Weg in die Heimat vor zwei Wochen begonnen. Jetzt sitze ich in Tegel vor dem Gate C48 und warte auf meinen Flug. Es geht wieder in die Heimat. Diesmal allerdings mit fröhlicheren Gedanken - diesmal warten Plätzchen und Whisky auf mich. Alle Kunden-Weihnachtsfeiern sind erfolgreich hinter mich gebracht und von den meisten fehlt mir das Ende und der Nachhauseweg. Mein Hang zu Blackouts hat sich in den letzten Monaten nochmal deutlich gesteigert. Inzwischen ist es für mich eigentlich fast normal, dass mir mein Gehirn, wenn ich Sonntags versuche mich an die letzten Stunden des gestrigen Abends zu erinnern, nur eine sich langsam vor sich hin drehende Sanduhr zeigt. Vor ihr schlafe ich dann meistens auch wieder ein.

Mit genau dieser schwammigen Leere im Kopf wachte ich vor ein paar Wochen mal wieder Sonntag Nachmittags auf und fragte mich kurz, wie ich gestern nur nachhause gekommen war. Was die Antwort war, hatte ich ja gerade schon beschrieben. Ich wälzte mich also die letzten Stunden des Tages zwischen Kopfschmerzen und Magengrummeln noch ein wenig im Bett hin und her und schlief dann bis Montag Mittag durch.

Ausgeschlafen und voller Energie und Tatendrang stand ich am Montag auf und machte mir einen kräftigen Kaffee. Ich schlenderte ein wenig durch meine Wohnung und entwarf einen enthusiastischen Plan für den heutigen Tag. Beim Spaziergang durch meine Wohnung schaute ich auch kurz in meinem Arbeitszimmer vorbei. Hier gibt es ein großes Fenster, an dem man prima stehen und bedeutungsvoll Kaffeetrinken kann, während man den gehetzten Lohnsklaven auf dem Weg zur Arbeit zusieht. Und genau so stand ich an besagtem Fenster und dachte mir „war das ein Fahrrad an dem ich da gerade vorbeigelaufen bin? Ein fremdes Fahrrad?“. Die Nespresso-Werbespot-Atmosphäre war schlagartig verflogen und ich drehte mich langsam um.

Tatsache. Da stand es. Ein mir vollkommen fremdes Damenrad - zwei Gepäckträger, 18Gang-Schaltung, gut in Schuss. „Holy... Mother.....fuck!“. Ich blieb zwei Minuten vor dem Eindringling stehen und versuchte mich krampfhaft an irgendwelche Bilderfetzen zu erinnern, die mir weiterhelfen könnten, diese Situation zu erklären. ...Sanduhr. Sonst nichts. Ich hatte keinen blassen Dunst, wie dieses Fahrrad in meine Wohnung kam. Aber ich hatte eine dunkle Ahnung. Meinen Hang zur Sachbeschädigung und Kleinstkriminalität dachte ich mit 15, 16 und 17 ausgiebig ausgelebt zu haben und seit dem hatte ich auch, wie es sich für einen richtigen Erwachsenen gehört, die Finger von Spraydosen, Mercedes-Sternen, und fremdem Eigentum gelassen. Aber Betrunkene sind bekanntlich manchmal wie Kinder. Und ich war immer eher ein seltsames Kind.

Ich versuchte mich so gut es ging als Sherlock Holmes und sammelte Hinweise. Die zwei auffallend großen Gepäckträger wiesen auf einen Zeitungsausträger als Opfer der Tat hin. Das würde auch das fehlende Schloss erklären. Denn so kriminell mich der Rausch der letzten Nacht auch anscheinend hatte werden lassen, Schlösser knacken gehört trotzdem nicht zu meinen Fähigkeiten. Im Laufe des Tages fand ich ein U-Bahn-Ticket in meiner Hose. Ich Arschnase hatte der armen Sau anscheinend nicht nur das Fahrrad vor der Tür weggeklaut, sondern das auch noch nur wegen dem Spaß, oder zumindest dem kurzen Weg von der U-Bahn bis zu meiner Haustür. Ich suchte weiter und fand zwei leergefressene Bäckertüten in meinem Bett. Mein Croissant-Junkietum ist grundsätzlich nichts Neues, aber es eröffnete in diesem Fall eine weitere Version des Tathergangs. Ich sah mich förmlich mit fliegenden Zeitungen und kichernd davon fahren, während hinter mir ein armes Menschlein fluchend aus einer Bäckerei rannte. Kein schönes Bild. Eine Mischung aus Scham und Ungläubigkeit bereitete mir Gänsehaut. Als ich Wing2 die Geschichte am Telefon erzählte erntete ich einen ordentlichen Anschiss. Hätte ich mir auch denken können. Der Mann ist Fahrrad-Fetischist und ich hatte praktisch ein Fahrrad entführt und aus seiner vertrauten Umgebung gerissen. Es dauerte einige Tage, bis ich ihn wieder versöhnlich stimmen konnte und er mir glaubte, dass ich das Ganze ohne böse Absichten und vor allem ohne Bewusstsein getan hatte.

Vor drei Wochen ist ein zweites Fahrrad dazugekommen. Auf die gleiche Weise. Es muss ein
Weibchen sein. Die zwei haben sich sofort verstanden. Inzwischen sind es Vier. Zu meiner Verteidigung muss ich anmerken, dass ich mich an den Einzug des vierten Fahrrads wenigstens erinnere. Wing2 hatte mich wegen der ersten drei dieses Wochenende noch einmal ordentlich zur Sau gemacht. Wir waren gerade auf dem Weg in eine neue Bar und er meinte es könne doch gar nicht sein, dass man so schnell mal einfach ein unangeschlossenes Fahrrad finde. Er sagte, er würde mir ein Bier zahlen, wenn ich bis zur Bar eins fände. Zwei Blocks weiter radelten wir schon nebeneinander her. Es war ein Jugendrad, mir etwas zu klein, und es war vorne und hinten platt, aber das war mir egal. Bis wir an der Bar waren, war selbst der Gummimantel durchgefahren. Ich bekam mein versprochenes Bier und wir tranken und amüsierten uns über das Fahrrad und sahen zu, wie vor uns eine dicke Frau auf den Tresen kletterte und völlig betrunken auf der Bar tanzte. Als wir die Bar verließen und Wing2 sein Fahrrad aufsperrte stand direkt daneben ein schönes, halbwegs neues Damenrad. – unangesperrt! Betrunkene scheinen auch das gleiche Glück wie kleine Kinder zu haben. Zumindest fällt es mir leichter, fremde Fahrräder mit in meine Wohnung zu nehmen, als fremde Frauen. Was ich allerdings mit den vielen Fahrrädern in meiner Wohnung jetzt mache, weiß ich noch nicht genau.



Join the car crash set


In den letzten Wochen dieses Jahres sind einige komische Sachen passiert. Aber vielleicht bin ich auch nur in dieser seltsamen, nachdenklichen Stimmung, in die man verfällt, wenn sich das Jahr dem Ende neigt. In meiner Post fand ich jedenfalls neulich noch ein liebes Schreiben mit herzlichen Weihnachtsgrüßen einer Anwaltskanzlei aus München, die mich wegen des Herunterladens eines Filmes mit Brad Pitt in der Hauptrolle, um 1000 Euro baten. Als würde ein normaler Mensch 1000 Euro für einen Brad-Pitt-Film zahlen! Diese Bayern...humorige Menschen. Man muss sie einfach mögen.

Es gibt manchmal so Phasen, da fühlt sich das Leben an, wie eine Aneinanderreihung von Unfällen. Man denkt ständig „Hoppla! War das jetzt meine Schuld?“ oder „Oh verdammt! Das hab ich nicht kommen sehen!“ aber nach dem dritten oder vierten Rumms gewöhnt man sich an das Quietschen der Reifen und das Geräusch von Blech auf Beton. Wie immer ist auch hier die große Kunst das Loslassen. Und nach einiger Zeit fängt man an sich zu entspannen. Unfall-Zen nenne ich das. Man wartet lächelnd auf den nächsten Aufprall und genießt den ganz besonderen Geruch von brennendem Kunstleder.

Worüber ich mir allerdings nicht mehr wirklich sicher bin ist, ob die Entdeckung von Pick Up für mich und mein Leben nun eigentlich das Eintreffen des Krankenwagens, oder nicht viel eher einen weiteren Unfall darstellt. Ohne Pick Up wäre mein Liebesleben dieses Jahr jedenfalls auch nicht viel anders verlaufen. Gevögelt habe ich nicht. Aber verliebt habe ich mich immerhin ein mal. Und das ist lustiger Weise schon ein Mal mehr, als einige bekannte Pick Up Blogger. Allerdings kann man das Verlieben natürlich auch nicht erzwingen, sondern nur zulassen.

So Kinderlein, nun werde ich mich mal zu Oma und Mutti an den Kaffeetisch begeben, bevor ich die zwei 'HBs' zur nächsten Location 'bounce', um dort die Sache mit dem Jesuskind abzufeiern. Mein Kater hat sich etwas gebessert und mein Magen könnte die Lebkuchen vielleicht behalten. Ich wünsche euch allen von Herzen ganz viel Liebe und noch andere tolle Sachen! Feiert schön, rutscht gut rein, und tut nichts, was ich nicht auch tun würde!


Elia

3. September 2013

Like A Virgin

Ist Berlin nicht toll und verrückt und hübsch und niedlich und abgefahren und auch wenn es regnet trotzdem so viel zu sehen und ach Gott wie niedlich dieses Café mit den kleinen Sesseln.... Ich hatte mal wieder einen Tag als Touristenführer hinter mich gebracht. Als Hauptstadtbewohner kennt man das Problem. Man liebt seine Stadt und man liebt die Menschen, die einen besuchen kommen. Nur die Kombination kann anstrengend sein. Diese Woche sind meine Mutter und ihr Langzeit-Lebensabschnittsgefährte zu besuch. Ich wohne seit deutlich mehr als zehn Jahren in Berlin, die zwei sind regelmäßig hier und langsam wird es schwierig ihnen noch Neues zu präsentieren. Da muss man sich schon echt überlegen, wo man hingeht. Man glaubt gar nicht, wie viele Kindersärge in der Gruft unter dem Dom stehen. Und um die Kindersärge herum tummeln sich lauter quirlige Senioren. So klitzeklitzekleine Särge.... Auch niedlich. Fast wie diese niedlichen kleinen Cafés.... Ach ja, Berlin...schon toll...

Nachdem ich meine Mutter am Samstag dann noch mit einem herztriefigen Till Schweiger Film über eine Irre ohne Schuhe ins Bett gebracht hatte und sie sich mehrfach und herzlichst für diesen schönen Film bedankt hatte, war ich wirklich reif für Alkohol. Ich machte mich also mit einem Magen voller Till-Schweiger-Romantik, Muttis Essen, Whisky und Bier auf den Fußmarsch in die Stammbar. Ich hatte dafür trotz des Films Schuhe angezogen und ein Wegbier gekauft. Mein MP3-Player entfernte die letzten Erinnerungen an Till Schweigers markantes Grinsen und die lustigen, kleinen Kindersärge aus meinem Kopf. Dafür benötigte ich allerdings den ganz harten Stuff und so hämmerten den ganzen Weg über die stumpfen Dancefloor-Beats des neuen Pet Shop Boys Albums gegen mein Hirn...
Talking tough and feeling bitter
We're better now, it's clear to me
That love is a bourgeois construct
So I've given up the bourgeoisie


Ich kam in der Bar an und es war rappelvoll. Alle waren da. Wing3 war pleite und betrunken wie immer und lehnte in einer Ecke. K stand mit knallroten Lippen und einem knallroten Minikleid an der Bar und hatte sich offensichtlich endgültig von ihrer Trennung erholt. Sie gab mir ständig Tequila aus und Wing3 schnorrte mich dafür ständig um Bier an. „Ach was soll's, Simba“ dachte ich mir „das nennt man im Pick Up 'Circle Of Life' oder COF“. Ich trank mit beiden abwechselnd und plötzlich stand eine zuckersüsse Blondine vor mir, von der ich mir sicher war, sie schon mal gesehen zu haben. Ich quatschte sie an und es stellte sich heraus, dass ich ich sie aus der neoParadise-Folge mit Olli Schulz und DEVIL kannte, in der sie Olli ihre Handynummer im Tausch gegen diesen phantastischen Zwergen-Witz gegeben hatte. Ich war Feuer und Flamme! Leider ihr Boyfriend, den ich völlig übersehen hatte, nicht. „Oh Shit, sorry! Ich glaube mein Freund ist hier gerade etwas dramatisch rausgestürmt“ meinte sie irgendwann und verabschiedete sich hastig. Schade eigentlich. Wenn Du das hier liest: Rechts steht meine E-Mail-Adresse! Ich erzähl dir auch nen Witz!

Ich hatte diese Nacht viel Spaß und gegen Morgen saß ich mit einer kleinen Blonden mit vielen Sommersprossen und einem etwas spießigen Dutt in der hintersten Ecke der Bar. Sie erklärte mir, sie sei Anfang 20, gerade zum Studieren nach Berlin gezogen, und habe sich erst vor kurzem von ihrem allerersten Freund getrennt. Auf mich wirken solche Aussagen immer seltsam entspannend, obwohl man sich ja eigentlich dafür schämen müsste, sein männliches Ego im einundzwanzigsten Jahrhundert noch durch den 'Jungfrauenbonus' beruhigen zu können. Ich spürte trotzdem, wie ich mich instinktiv etwas zurücklehnte, meinen Fuß lässig auf eine Stuhlkante stellte, meine Stimme senkte, meinen Whisky schwenkte und mich innerlich darauf einstellte, dem kleinen Hasi jetzt mal schön die große Welt zu erklären, als Wing3 plötzlich vor uns auftauchte. Lallend versuchte er uns beide davon zu überzeugen, jetzt sofort mit zu ihm zu fahren. Sein riesiger Kumpel, den er dabei hatte, wolle auch mitkommen erklärte er uns, und wir würden bei ihm dann 'Afterhour' machen. Da ich mit chemischen Drogen nur selten experimentiere, muss ich bei dem Begriff 'Afterhour' immer noch grinsen und ich verstand auch nicht ganz, was unsere seltsame, kleine Runde dann bei ihm zuhause genau tun sollte, was wir hier in der Bar nicht auch tun könnten. „Er scheint wohl einfach mal wieder völlig betrunken zu sein“ dachte ich mir und wollte eigentlich nicht weiter darauf eingehen, als er abermals das Quengeln anfing und, genauso wie sein großer Freund, seltsam meine kleine, blonde Unschuld fixierte.

Ich sah Cinderella an und sie blickte leicht genervt zu Wing3 hoch und meinte nur völlig ruhig: „Oh Mann! Nö! Ich hatte so viele Dreier und Vierer in letzter Zeit und mit euch zwei vor allem; ich hab da eigentlich nicht schon wieder Bock drauf“. Dann lehnte sie sich wieder zurück und nahm genervt einen Schluck Bier. Ich hörte seltsamerweise das sägen-ähnliche, lauter werdende Kreischen eines Junkers Ju 87 Sturzkampfbombers, aber vielleicht war es auch nur meine Attraction, die aus 5000 Metern Flughöhe auf das Dach der Stammbar zuraste. Bis zum Einschlag vergingen noch einige Sekunden, dann krachte die komplette Sexyness, die Lolita in der letzten halben Stunde aufgebaut hatte, bestückt mit zwei 500kg-Attraction-Bomben durch die Decke der Bar, riss ein Loch in den Boden vor dem Tresen und explodierte im Keller. Ich wurde von zwei leeren Berliner-Pilsener-Kästen am Kopf und an der Schulter getroffen, blieb aber sonst unverletzt. Überall war Rauch, Dreck und Staub und als sich der erste Schock legte, starrte die gesamte Bar wütend und vorwurfsvoll zu unserem Tisch herüber. Alles was man hörte, war das leise Rieseln durch das große Loch in der Decke.

Attraction-Absturz in der Stammbar
Der erste der sich wieder bewegte war Wing3. Er setzte sich ohne ein Wort neben mein Blondi und begann sie heftig zu küssen. Ich stand auf, klopfte mir den Putz von Jacke und Hose, und ging kommentarlos weg. Ich entschuldigte mich bei einigen Gästen, deren Drinks vor dem Einschlag noch relativ voll waren, und jetzt mehr Bauschutt als Flüssigkeit enthielten, wischte selbst den Staub vom Hals meines Bieres und ging nach draussen. Es ist schon seltsam, wie schnell und heftig eine Frau an Attraktivität verlieren kann, wenn man feststellt, dass ihr sexueller Horizont leider nicht von dem Planeten aus, auf dem sich der eigene befindet, zu sehen ist. Sollte man da nicht eigentlich drüber stehen als moderner Mann? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Mir war es an diesem Abend jedenfalls egal, da ich nicht vor hatte, der Blubb im Spinat dieser spezielle Ménage à trois zu werden. Zum einen, weil ich bekanntlich ein Spießer bin, und zum anderen weil ich es vorziehe keinen Sex vor, neben oder mit Männern zu haben, mit denen ich in Zukunft noch häufiger an einem Tresen stehen werde. Man fragt sich nur, ob dieser Effekt diesen possierlichen, aufgeschlossenen Jungfrauen von heute eigentlich überhaupt bewusst ist, oder ob ihnen das eben auch einfach egal ist...?

Einige Stunden später stand ich alleine in einem kleinen, ziemlich verdrogten Techno-Club, als eine Braut im langen weißen Kleid, das Gesicht hinter einem Schleier, an mir vorbeirannte, auf die Tanzfläche stürmte, kurz aber derb wie Zäpfchen abging, und dann genauso schnell und mit wehenden Gewändern wieder an mir vorbei aus dem Laden stürmte. Zeitgleich hatte irgendwo in Berlin eine kleine Zwanzigjährige einen weiteren, für sie stinklangweiligen, Dreier mit zwei betrunkenen Freaks aus einer eingestürzten Bar. Moral kommt und Moral geht. Manchmal bleibt sie nur kurz; und manchmal rennt sie Morgens auf MDMA und mit einem Bier in der Hand an einem vorbei, und alles was bleibt sind Trümmer. Aber der Dom war toll.


Elia

23. Juli 2013

Schwule Mädchen

„Boaisdie-sssschön!“ lallt mir Wing3 ins Ohr, während das kleine Mädchen mit der Flechtfrisur an uns vorbei aus der Bar geht. Er ist extrem betrunken und in diesem Zustand ziemlich schwer. Zumindest wenn er sich, wie jetzt, förmlich an meiner Schulter hochziehen muss um mir etwas zu sagen. „Ja ist sie. Aber die steht nicht auf Männer“ antworte ich, ohne mich zu ihm umzudrehen. Ich genieße den Anblick trotz besserem Wissen. Erst als sie zur Tür raus ist, drehe ich mich zu Wing3 der jetzt immer noch auf den Ausgang starrt. Ich versuche mich direkt an sein Großhirn zu wenden, indem ich mich in sein Blickfeld stelle und seinen Kopf mit beiden Händen fixiere. „Hey, Alter! Die steht auf Mädels, glaub's mir. Ich hab sie vorhin mit der kleinen Schwarzhaarigen draußen so diskutieren sehen, wie nur Pärchen diskutieren. Sie ist lesbisch! Auch wenn sie Stress mit ihrem Girlfriend hat, wird sie wohl kaum heute Nacht ihre sexuelle Orientierung überdenken“. Ich sehe in seine glasigen Augen. Die Worte scheinen grundsätzlich angekommen zu sein. Sie müssen aber irgendwo zwischen seinem Innenohr und seinem Hirn Pause gemacht haben, denn es ist keinerlei Reaktion in seinem Gesicht zu erkennen. Er sieht auf diese komische Art verliebt durch mich hindurch, auf die nur Betrunkene verliebt sein können, und auch die nur für den kurzen Moment für den sie glauben zu wissen, dass dieses eine Mädchen, genau heute Nacht, genau jetzt, an ihnen vorbeigelaufen ist, weil sie es ist, die Eine.



Der Abend hatte sehr ruhig begonnen. Ich hatte mich mit Wing1 in der Stammbar verabredet und gelangweilt ein paar Bier getrunken, bis uns besagtes Mädchen auffiel. Sie entsprach äußerlich so exakt meinem Beuteschema, dass wir nichts sagen mussten und trotzdem sofort beide wussten, was Phase war. Sie stand draussen vor der Bar und gestikulierte wild. Aus der Bar heraus konnten wir weder hören, was sie sagte, noch sehen mit wem sie so aufgebracht diskutierte. Erst als die beiden Streithähne schweigend hintereinander in die Bar zurück trotteten, sahen wir das zweite Mädchen. Sie war im gleichen Alter und fast genauso hübsch, wie ihre Freundin. Ich kann nicht genau sagen, ob es nur die Art war, wie die beiden miteinander stritten, oder noch andere Indizien dazu kamen, jedenfalls schlug mein Lesben-Radar deutlich aus. Ich benötigte ein Frust-Bier, um wieder woandershin sehen zu können. Wir saßen noch eine ganze Weile an der Bar, bis Wing1 sich verabschiedete, um in den Absturzclub weiterzuziehen. Fast zeitgleich erschien Wing3, merklich vorbetankt wie immer. Ich machte mit ihm also direkt da weiter, wo ich mit Wing1 aufgehört hatte. Ich musste aber schon nach kurzer Zeit feststellen, dass er in einem noch verheerenderen Zustand war, als ich angenommen hatte. Er hatte sich offensichtlich bereits über den „Talky-Mode“, wie ich ihn nenne, hinübergetrunken und war in der Phase angekommen, in der die meisten eher still werden und auf ihr Bier starren. Dann kam Sie.
Sie lief an uns vorbei und Wing3 fuhr hoch, wie ein Junkie, dem der Notarzt die reanimierende Ladung Adrenalin gespritzt hat. Er war plötzlich wieder voll da.

Wäre ich mir nicht so verdammt sicher gewesen, hätte ich ihn natürlich niemals zurückgehalten. Der Mann war im perfekten Zustand um alles und jeden anzusprechen, solange er sich dabei nur irgendwo hätte festhalten können. Aber aus meinem Blickwinkel hatte ich die Schönheit auch schon eine ganze Weile dabei beobachtet, wie sie sich mit ihrer Begleitung wieder versöhnt hatte und war mir einfach zu sicher, dass er ohne Geschlechtsumwandlung bei ihr heute Abend keine Chance haben würde. Letztendlich war es aber auch ganz egal, denn seit er sie gesehen hatte, kam bei meinem lieben Bargenossen sowieso nichts von all dem mehr an, was ich zu sagen hatte. Ich redete also noch eine knappe viertel Stunde mit seinem Gesicht und trank mein Bier aus. Dann ging ich kurz zur Toilette. Ich hätte wissen müssen, was nun kam.

Als ich zurückkehrte, war der Barhocker, auf dem Wing3 gerade noch gesessen hatte verlassen. Ich ließ meinen Blick kurz durch den Raum wandern und entdeckte ihn schließlich. Er saß zwischen(!) den beiden Mädels und redete unter seinen halb geschlossenen Augenliedern hindurch mit der hübscheren von beiden. „Oh, well...“ dachte ich mir und gesellte mich kommentarlos zu dem seltsamen Trio. Als ich mich gerade setzte, blickte Wing3 kurz hilflos zu mir hoch und ich hörte, wie die hübsche Kleine ihm gerade, mit der sanften Betonung einer Kindergärtnerin, erklärte „Yes, but as i told you allready, we are lesbians“. Ich war zu gespannt auf den Fortgang dieser Unterhaltung, um irgendetwas sagen zu können. Ich nickte den beiden Mädels freundlich zu und wartete darauf, dass Wing3 etwas sagen würde, aber der starrte mich nur ausdruckslos und traurig an. Nach einer Pause, die mir endlos erschien, drehte er sich langsam wieder zu seiner Traumfrau um, und antwortete „Yea, ok.... Ok. But... Ähm... But, what about a threesome?“.

Ich konnte es selbst kaum glauben, und dem Ausdruck in ihrem Gesicht nach, musste auch das Mädel erst kurz überlegen, ob sie sich vielleicht verhört hatte. Ich war fast ein wenig stolz auf Wing3. Er hatte es in seinem Suff-Hirn doch tatsächlich geschafft, noch einen letzten Funken Hoffnung, einen letzten kleinen Weg zu finden, um vielleicht doch noch Sex mit einer Frau haben zu können, die ihm gerade erklärt hatte, dass er zwischen ihr und ihrer Lebensgefährtin saß. Fast mittleidig legte sie ihren Kopf etwas schräg, bevor sie ihm antwortete „No. No, i'm sorry. No threesomes“. Man konnte fast hören, wie ein Trinkerherz brach und ein weiterer großer Traum der Menschheit beerdigt wurde. Es folgte ein geradezu andächtiger Moment der Ruhe zwischen den Dreien. Wing3 brauchte ein paar Sekunden um zu trauern und die Mädels suchten den Raum wahrscheinlich insgeheim nach versteckten Kameras ab. Ich entschloss mich, diesem zwischenmenschlichen Drama einen Ausweg zu bieten. „Hi, i'm Elia“ stellte ich mich vor. So was wie Erleichterung machte sich bei den Mädels breit, während Wing3, immer noch in sich zusammengesunken da saß. Mit ihm war für heute wohl nicht mehr zu rechnen, und so begann ich ein wenig Smalltalk um von der menschlichen Tragödie unter uns abzulenken.

Es stellte sich schnell heraus, dass die hübschere von beiden zufällig den gleichen Job hatte wie ich, und so entstand blitzschnell eine sehr angeregte Unterhaltung, wenn auch über ihre Freundin und die Reste meines Freundes hinweg. Wing3 sagte nicht nur nichts mehr, er bewegte sich auch nicht mehr, seit er erfahren hatte, dass es heute keinen Sex mehr geben würde. Wozu auch?
Nachdem ich mich eine ganze Zeit sehr gut mit den Mädels unterhalten hatte, stand er dann aber urplötzlich doch ganz langsam auf. Wie ein Zombie oder ein Narkosepatient machte er vier Schritte von uns weg, und ließ sich zwei Meter weiter erschöpft auf eine Bank fallen. Er lehnte seinen Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Wir betrachteten das Schauspiel alle kurz und setzten dann unsere Unterhaltung fort. Ich setzte mich jetzt zwischen die Beiden, da keine von ihnen Anstalten machte, aufzurutschen. Nach einer halben Stunde fragten wir etwas besorgt bei Wing3 nach, ob er sich nicht doch wieder zu uns setzen wolle. Er öffnete kurz die Augen, aber verneinte. Stattdessen stand er zwei Minuten später auf, verabschiedete sich kurz (bei mir, nicht bei den Mädels) und ging nachhause. Er wirkte gebrochen. Also deutlich gebrochener als sonst. Er hatte mutig und hoch gepokert und war mit all der Euphorie, mit all dem Endorphin, und Adrenalin, und was sein kleiner Körper sonst noch so produziert hatte, und mit ganz viel Anlauf gegen eine regenbogenfarbene Wand gerannt. Ich blickte ihm noch kurz nach, dann setzte ich mein Gespräch fort. Die beiden waren tatsächlich ziemlich witzig, und ich konnte mit der Hübscheren endlos über unseren Job philosophieren.

Es war der Höhepunkt unseres Gespräches, ich war gerade richtig in Fahrt und gestikulierte wild, als mir auffiel, dass die zwei Mädels mich gar nicht mehr ansahen, während ich meinen Vortrag hielt. Stattdessen blickten sie beide auf meine Hand, oder besser gesagt, auf meinen Ärmel, oder noch besser gesagt, auf das Kabel, das aus meinem Jackenärmel hing und an dessen Ende dieses kleine Mikrofon baumelte und durch die Luft wirbelte, während ich sprach.
Hupsi!... Das Teil hatte ich ja völlig vergessen! Und jetzt starrten wir es alle drei an....
Ich überlegte kurz, nahm dann das Mikrofon und klemmte es einfach kommentarlos wieder an meinen Jackenärmel. Dann sprach ich weiter, als wäre nichts gewesen. Zu meiner Überraschung reagierten die Mädels kein bisschen und fragten auch nicht nach. „Eigentlich auch logisch“ dachte ich mir erleichtert „wer würde auch auf die Idee kommen, dass ein Typ nachts in einer Bar seine Gespräche mit einem Mikrofon im Ärmel mitschneidet. Welcher Vollpsycho würde denn so eine Scheiße machen?“

Es wurde noch ein sehr langes und lustiges Gespräch, an dessen Ende wir Nummern und Mailadressen tauschten, da die Kleine mir unbedingt Arbeiten von sich schicken wollte. Aus 'PUA-Sicht' hatte ich voll versagt und die halbe Nacht mit zwei Lesben verplempert. Als Nice-Guy verstehe mich aber logischerweise auch einfach zu gut mit schwulen Mädchen. Wir verabschiedeten uns und ich zog weiter in den Absturzclub.



Ich habe mir gerade nochmal schnell einige Stellen meiner Aufnahme aus dieser Nacht angehört. Inzwischen kann ich das sogar fast ohne aus dem Zimmer gehen zu wollen. Erstaunlicherweise war es gar nicht so spät, als ich in den Absturzclub ging und ich hatte dort noch einige Stunden reichlich Spaß (auch wenn ich mich nicht an jedes Gespräch erinnern konnte). Ich flirtete lange mit einem Mädel am Eingang, traf Wing1 wieder, flirtete mit einer großen Blonden, die ich eigentlich für ihn anquatschen sollte (ich Kameradenschwein) und betrank mich zu guter Letzt mit BALU an der Bar. Alles in allem ein sehr lustiger Abend. Trotzdem war das Gespräch mit der hübschen, lesbischen Kollegin für mich der beste Teil. Wir haben uns noch ein paar Mal geschrieben, und sie ist wirklich gut in ihren Job. Vielleicht sieht man sich ja auch demnächst mal wieder in der Stammbar und führt ein gutes Gespräch. Ganz ohne Reinstecken.

Wie immer.



Elia


14. Juli 2013

There is allways a Philipp

So hässlich Berlin im Winter ist, so schön ist es im Sommer. „Ich bleib für immer einfach hier sitzen“ sagt Wing2 regelmäßig, wenn wir zusammen an der belebten Kreuzung vor dem kleinen Pizzaladen sitzen und versuchen uns auf's Essen zu konzentrieren während dicht neben uns ein Minirock nach dem anderen vorbei stöckelt. Besonders hart ist der Sommer aber natürlich für Daygame-Loser wie mich, deren AA auf der Straße so groß ist, dass sie zum Glück die ganzen hübschen Mädchen dahinter gar nicht sehen können. Und so konnte sich mein völlig überfordertes Hirn neulich auch der Situation, dass zeitgleich zwei wunderschöne Elfchen auf ihren Retro-Fahrrädern an der Ampel neben mir und meinem klappernden Schlachtross hielten – eine rechts, eine links - nur entziehen, indem ich mich geschlagene 90 Sekunden der philosophischen Frage widmete, ob nun eigentlich der Sommer immer nach Mädchen, oder die Mädchen immer nach Sommer riechen. Als die beiden losfuhren starrte ich ihren fliegenden Kleidern so lange regungslos nach, dass es fast schon wieder rot wurde, als ich in meinen Körper zurückgekehrt war.

Ein weiterer Pluspunkt des Sommers ist, dass ich mich wieder dem wunderbaren und fast arbeitsfreien Projekt des 'Anarcho-Gärtnerns' widmen kann, dessen stolzer Erfinder ich bin und das ich seit fast 10 Jahren auf meinem Balkon mit aller politischer Härte vorantreibe. Wer von euch den solidarischen Drang verspürt mitzumachen, hier eine kurze Anleitung und das Regelmanifest zu 'Elias Anarcho Garten':
  1. Fülle diverse Blumenkästen mit Mama Erde und stelle sie auf deinem Balkon zur freien Verfügung. Für die jetzt bereits wieder weinerlich gekränkten Maskulinisten stellst du noch einen kleinen Blumentopf mit Papa Erde daneben.
  2. Gieße sie regelmäßig und dünge sie von Zeit zu Zeit.
  3. Alles was angeflogen kommt und sich wohlfühlt hat Bleiberecht und darf wachsen.
  4. Einmal pro Woche ist Aktionstag. Ziehe hierfür dein T-Shirt aus, stelle dich breitbeinig mit erhobener Faust auf deinen Balkon und lasse dich von belustigten Passanten fotografieren. Sonntags darfst du das auch gerne noch mit einem 'Anarchie ist machbar, Herr Nachbar“-Transparent oder der gesungenen 'Internationale' ausschmücken.

Aber all der Spaß und die kurzen Röcke sind nichts gegen den wichtigsten Pluspunkt und das deutlichste Anzeichen, dass es Sommer ist in Berlin: Das ungefragte Feiern auf Privatpartys von Menschen, die man nicht kennt. Man läuft nachts durch die Straßen, man vernimmt gar lieblich laute Musik und Geräusche aus einer Wohnung und zack, schon hat man etwas viel besseres auf der Agenda als den blöden Club! Als ich vor über zehn Jahren nach Berlin zog, war diese sommerliche Sportart nicht nur weit verbreitet in der schönsten aller Städte, sie gehörte praktisch zum guten Ton. Wer wirklich etwas auf sich hielt kam nicht nur spät zu einer Party, sondern hatte auch keinen blassen Dunst, wer oder was hier eigentlich gefeiert wird und kannte natürlich auch keine alte Sau. Doch selbst in der guten, alten Zeit war ein solch 'besonderer' Partygast natürlich nie ganz vor den berühmten und gefährlichen vier Frage sicher, „wer bist du eigentlich?“, „wer hat dich eingeladen?“, „ist das unser Whisky in deiner Tasche?“ und „hat einer von euch ins Treppenhaus gekotzt?“.
Bei den letzten beiden Fragen hilft nach meiner Erfahrung wirklich nur ekelhaftes, dreistes Lügen, was man aber ja bekanntlich nach Alkoholkonsum und in Stresssituationen besonders gut kann. Für die ersten zwei hingegen empfehle ich schon seit Jahren immer auf unseren lieben Freund Philipp zu verweisen. Wir kennen ihn alle. Wir lieben ihn alle. Wir haben alle so viel mit ihm erlebt, dass man stundenlang über ihn reden könnte. Gerade war er ja auch noch hier, aber naja, wir wissen ja schließlich alle wie Philipp so ist. Gerade noch neben dir und schon wieder weg. So ist er eben. Unser Philipp!

Das schwierigste logistische Problem dabei endlich auf Sabines Geburtstagsfeier zu kommen, obwohl man Sabine gar nicht kennt (oder noch nicht), ist aber meist die richtige Klingel zu finden. Bei manchen Häusern helfen einem schon mal Beschriftungen auf dem Klingelkasten, wie 'Hinterhaus', 'Seitenflügel' und so weiter, oder ein betrunkener Partygast auf dem Balkon, der so aussieht, als würde er sich über neue Freunde freuen. Gelegentlich lässt sich auch von dem Stockwerk auf die Reihe der Klingeln schließen, oder man nimmt die Rambo-Methode und klingelt einfach mal einige Nachbarn aus den Betten – schlafen konnten die ja wahrscheinlich eh nicht. Aber mein persönlicher Tipp ist immer noch das gute, alte 'Tailgating'. Hierfür stellt man sich einfach an den Hauseingang seiner Wahl und wartet bis eine lustige Truppe neuer Partygäste ankommt, die natürlich wissen, wie Sabine mit vollem Namen heißt, um sich dann entweder direkt unter die Gruppe zu mischen, oder zumindest den Vorteil der nun offenen Haustür zu nutzen. Ein Bonus hierbei ist natürlich auch, dass man gleich mit einem ganzen Schwung neuer Gäste ankommt, automatisch zu der Gruppe gerechnet wird und sich damit eventuelle blöde Fragen an der Wohnungstür spart.



Es war eine der ersten richtig warmen Sommernächte und Wing2 hatte es sich mit mir in der Stammbar gemütlich gemacht. Viel mehr konnte man da an diesem Abend auch nicht machen, weil sich aus irgendeinem Grund alle paarungswilligen, attraktiven Weibchen der Stadt für eine andere Bar entschieden hatten um dort auf die Ankunft ihrer Traumprinzen zu warten und ihren Gurken-Gin zu schlürfen. Auch das Auftauchen von Wing3, besoffen und pleite wie es von ihm erwartet wird, hob die Stimmung in der Bar nicht wirklich und so beschlossen Wing2 und euer treuer Nichtheld einige Stufen zu überspringen, nicht über Los zu gehen und direkt in den Absturzclub einzufallen. Ein alleine schon deswegen ungewöhnlich bis denkwürdiger Move, weil Wing2 eigentlich den Absturzclub meidet und für die frühen Morgenstunden ein eigenes, kleines Clübchen vorzieht.

Angenehm laute Elektromusik gemischt mit Gläserklirren und Lachen drang von einem Balkon und diversen offenen Fenstern im dritten Stock eines Eckhauses auf die Straße. Wing2 schob gerade eines seiner fünf Fahrräder, die 'Handtaschen' der Berliner Single-Männer, neben mir her als wir beide instinktiv stehen blieben, nach oben blickten und nach der Quelle dieser lieblichen Symphonie Ausschau hielten. Wir orteten Zeitgleich den Balkon und sahen einige Schatten darauf herumstehen, rauchen und trinken. „Ey!.... Hey! Hallo!“ versuchten wir Kontakt zu Planet Party herzustellen. Vergebens. Entweder war die Musik zu laut oder man war zu cool um mit Menschen, die drei Altbaustockwerke unter einem in der Partyhierarchie standen zu kommunizieren. Also gut, dann anders. Wir versuchten am Klingelkasten unser Glück. Nix zu machen. Viele Klingeln und kein Hinweis darauf, welche die Party-Klingel war. Wir entschlossen uns zu warten, ob in absehbarer Zeit nicht vielleicht neue Gäste kommen würden. Während wir so warteten kam mein schwuler Club-Freund (der Mann mit dem kontraproduktiven Arschfick-Opener... siehe 'Ostern ohne Eier' 13. April 2013) an uns vorbei spaziert. Nachdem wir ihm unsere Mission erklärt hatten versuchte auch er sich an den Klingeln, versagte aber ebenso und erklärte uns dann er würde jetzt mal weiterziehen gen Absturzclub. Nach einer viertel Stunde brachen wir frustriert ab und gingen ebenfalls weiter.

„Puh, ey das sind irgendwie nicht so meine Frauen“ monierte Wing2 vor sich hin, als wir vor dem Absturzclub standen und ich mein halbvolles Wegbier in mich hinein stürzte. „Ne, Mann. Sind sie nicht. Waren sie auch noch nie. Das wussten wir doch vorher. Das ist der ABSTURZCLUB. Hier wird gefressen, was auf den Tisch kommt“ antwortete ich. Mit schlechter Laune entschied Wing2 dann aber doch kurz mit reinzuschauen. Es wurde drinnen nicht besser. Nach dem ersten Bier verkündete er seinen Rückzug. Wir verabschiedeten uns und ich gesellte mich zu meinem Gay-Freund und seinem neonroten Drink an die Bar. Grundsätzlich sind Schwule ja Frauenmagneten. Das Problem bei ihm, abgesehen von seinen deplatzierten Aufforderungen zum Analverkehr, ist eher, dass er, solange er nicht tanzt, überhaupt nicht schwul aussieht. Ich setzte also alle meine Hoffnung in den roten Drink in seiner Hand. Als nach 10 Minuten immer noch keine Frauen neben uns standen, überlegte ich schon ein buntes Schirmchen und ein bisschen Obst zu besorgen, um sein Glas etwas schwuler zu dekorieren. Doch plötzlich tauchten zwei hübsche, junge Mädels auf, stellten sich neben mich an die Bar und begrüßten meine homosexuelle Venus-Fliegenfalle sofort sehr herzlich. Geht doch. Scheiß auf Day-Game, ich mach Gay-Game!.... Und wer hat's wieder erfunden?

Schüchtern und dumm wie Brot, wie ich manchmal bin, bot ich meinem Bekannten nach 2 Minuten Geplapper quer über mich hinweg an, die Plätze zu tauschen. „Danke“ kommentierte er kurz. Mir wurde zu spät klar, dass ich jetzt endgültig aus dem Gespräch raus war. Die Drei tratschen neben mir und ich konzentrierte mich voll auf mein Bier. Zum Glück schlug eines der beiden Mädchen schließlich vor, in einen anderen Bereich des Clubs zu wechseln. Dort angekommen konnte ich aber auch nur ein paar flüchtige Worte mit den Mädels wechseln, weil schon nach zwei Minuten meine Hose vibrierte. Es war Wing3. Ich verstand ihn sehr schlecht, was zum einen daran lag, dass er auf einer Party war, zum anderen daran, dass ich in einem Club war und zum dritten daran, dass er wie gewohnt grenzwertig betrunken war. „Eyischbin aufssoner Privatparty!“ plärrte er aus meinem Handy „Sinpaar ssssschööne Mädels hier! Kommher!“. Guter Mann! Wirklich Verlass ist eben immer nur auf die betrunkensten unter uns! „Alles klar! Ich bin in 10 Minuten da! Kommst du runter und lässt uns rein?“ schlug ich vor. „Machissch!“

Die zwei Mädels stellten sich als langweilig heraus und wollten nicht mitkommen, obwohl selbst ihr schwuler Freund sofort Feuer und Flamme für die Idee war, auf die Privatparty um die Ecke zu gehen. Eigentlich ein guter Test. Scheiß auf Mädels, die den Witz bei so was nicht verstehen! 10 Minuten später standen wir also wieder vor der gleichen Haustür. Nach kurzem Warten ging das Licht im Treppenhaus an und ein schwankender Schatten kam von innen auf das Milchglasfenster in der Tür zu. „Eeeeyy!“ begrüßte uns Wing3 und fiel direkt zurück in den Hausflur. Er war so euphorisch, wie man nur in diesem wundervollen Zustand kurz vor dem endgültigen Versagen der Motorik sein kann. Wir folgten ihm die Treppen hoch bis in den dritten Stock und klingelten an der Wohnungstür. Es öffnete ein Mädchen, die uns kurz sehr kritisch ansah, dann aber einfach ging und den Weg frei machte. Zu meiner Enttäuschung lag die Party wohl schon in den letzten Zügen, zumindest war der Flur der Wohnung menschenleer. Kein gutes Zeichen. Ich ging instinktiv bis ans Ende des Flures durch, wo ich Licht aus einer offenen Tür sah. Auf meinem Weg bogen Wing3 und mein Bekannter links in ein großes dunkleres Zimmer ab, welches anscheinend das Wohnzimmer war und wo noch einige Menschen am tanzen waren. Am Ende des Flures wartete die Küche auf mich. Bingo! Mein Bier-Radar hatte mich ein weiteres Mal nicht im Stich gelassen.

Um einen kleinen Küchentisch saßen 4 Jungs und blickten zu mir rüber. „Hey, is noch Bier da?“ fragte ich, als wäre ich den ganzen Abend schon hier gewesen. Natürlich eine blödsinnige Illusion auf einer Party auf der, nach meinem bisherigen Eindruck, vielleicht noch 20 Leute waren. „Äh, im Kühlschrank gibt’s noch welche. Sind aber die letzten“ antwortete einer. „Cool, warum sagt mir das denn keiner? Dachte es wäre schon alle“ hielt ich tapfer an meinem Drehbuch fest. „Ähm.. Wer bist du denn?“ fragte mich der Typ, der mir das Bier aus dem Kühlschrank herüberreichte. „Elia. Ich bin ein Kumpel von Philipp. Der hatte mir gesagt, ich soll noch vorbeikommen, aber jetzt ist er selbst schon weg“ warf ich den Köder und wartete, ob sie ihn fressen würden. Hm... Unangenehme Stille. „Na, dann prost!“ verkündete ich und trat den Rückzug an.

Im dunklen Wohnzimmer fand ich meine zwei Jungs. Der eine quatschte mit zwei Mädels in der Ecke, drei mal dürft ihr raten, welcher von beiden. Und der Heterosexuelle lehnte alleine in einem Fensterrahmen und grinste mich durch die tanzenden Mädchen hindurch an. Die Musik war angenehmer bis bedeutungsloser Hipster-Elektro und die tanzenden Mädchen – die Jungs saßen ja in der Küche – passten dazu. Man war wohl eine zugezogene Mädchen-WG und befolgte penibel alle Berliner Mitte-Regeln. Man trug also bunte, luftige Kleidchen und dazu einen total niedlich-unordentlichen Dutt. Ich beschloss eine Runde zu tanzen. Das Mädchen neben mir fing an einen bunten Hula Hoop Reifen um ihre Hüften kreisen zu lassen, der dabei bedenklich nah an den niedlichen, kleinen Flohmarkt-Gegenständen auf der niedlichen, kleinen Flohmarkt-Kommode hinter ihr vorbei rauschte. Wing3 und ich beobachteten sie dabei einige Sekunden, dann sprach ich sie an. „Hey, das machst du gut! Trittst du damit auch auf?“ fragte ich über ihren Reifen hinweg. Sie antwortete mit irgendeiner uninteressierten Belanglosigkeit. Ich brabbelte auf dem gleichen Niveau zurück, fragte mich aber zeitgleich ob denn heute die 'Internationale Nacht der langweiligen Spießer' sei. Die Mädchen im Club und die Jungs in der Küche fielen ja schon in den Bereich Narkosemittel, aber desto genauer ich mir die tanzenden Studentinnen um mich betrachtete, desto fahler schmeckte mein Bier. Es waren die Art von Mädchen, die in High Heels zumindest optisch in das Beuteschema von Wing2 fallen würden, bei denen ich mich aber immer fragte, ob sie nicht furchtbar nach Seife schmecken würden und ob ich jemals genug Kaffee besitzen würde, um in einem Gespräch mit ihnen wach zu bleiben.

Meine böse innere Stimme sollte recht behalten. Nach 10 Minuten standen plötzlich drei von den gerade noch ausgelassen tanzenden Spießer-Mädchen vor Wing3, mit einer Körpersprache die eher an das Bayerische USK erinnerte und so gar nicht mehr zu ihren Kleidchen passte. Ich sah zu ihm rüber und musste mit Schrecken feststellen, dass sein rechter Arm gerade auf mich zeigte. Dann kam die ganze Truppe auch schon auf mich zu. Die Mädels bauten sich vor mir auf, wie Putins Schlägerbullen vor einem Schwulen mit Femen-T-Shirt. „Wir wollen, dass ihr jetzt geht“ verkündete die größte und stärkste von ihnen „euch kennt hier keiner“. Ich überlegte kurz nochmal meinen Kumpel Philipp ins Spiel zu bringen, war mir aber leider zu sicher, dass eine von ihnen die Gastgeberin war und sie mit den Jungs in der Küche sicher schon alle Philipps dieser Welt durchgegangen war. „Naja, ich würde eher sagen, wir kennen uns NOCH nicht! Ich heiße Elia, hallo“ versuchte ich es mit all meinem Charme und streckte der Anführerin der Amazonen freundlich meine Hand entgegen. „Nein, wir wollen wirklich, dass ihr jetzt geht. Ihr könnt das Bier mitnehmen“ erklärte sie mit ein wenig Pfefferspray in der Stimme. Es hörte sich eindeutig an, wie die letzte Aufforderung vor dem Wasserwerfer-Einsatz und so beschlossen Wing3 und ich – unseren schwulen Freund hatten sie anscheinend übersehen - uns langsam und unter freundlichsten Witzeleien in Richtung Tür zu bewegen.

Kurz vor der Wohnungstür stoppte uns ein kleiner, dicker BWL-Student mit dunkelblauem Pullunder über hellblauem Hemd und einer Art HJ-Frisur für Arme. „Ihr verschwindet jetzt mal besser“ kläffte uns die vom Alkohol wohl zu mutig gewordene Mozartkugel an und stemmte die kleinen, dicken CSU-Fäustchen an die Stelle wo normalerweise die Taille ist. „Ganz groß“ dachte ich mir „nachdem die Mädchen den Rauswurf gemanagt haben, muss Erling jetzt natürlich auf den letzten Metern noch den Alpha-Mann markieren“.
„Hör mal zu, Freund, wir waren gerade auf dem Weg nach draußen“ erklärte ich ihm ruhig „aber ich würde vorschlagen, du gehst jetzt mal wieder in die Küche, sonst wird das hier nix“. Wing3, der deutlich betrunkener war als ich, konnte sich nicht zurückhalten und musste noch nachtreten „Genau, verpiss dich jetzt mal!“. Mir wurde die Situation zu angespannt und ich beschloss, dass es das Beste sei, die Wohnung möglichst zügig und friedlich zu verlassen. Kaum waren wir draussen vor der Tür bellte unser Mini-Türsteher aber auch schon wieder durch den noch offenen Türspalt „Los jetzt raus hier!“. Wing3 war nicht mehr wirklich zu stoppen „Das geht auch freundlicher, Fetti! Komm mit raus, dann klären wir das!“. Zu meiner Überraschung kam unser Junge-Union-Wachhund tatsächlich aus seiner Hütte und begleitete Wing3 unter den, unter Männern in diesem Zustand üblichen, verbalen Muskelspielen die Treppen hinunter. Ich hatte keine große Lust, mich weiter an dem lyrischen Schwanzvergleich zu beteiligen und trottete hinterher. Allerdings nicht ohne in jedem Stockwerk auch wirklich jede Klingel auf ihre Funktion zu testen. Schließlich wollte ich nicht, dass sich unser Hobby-Bulle auf seinem Rückweg später einsam fühlt.

Im Flur vor der Haustür kam uns gerade eine Gruppe neuer Partygäste entgegen. Wing3 erklärte seinem neuen Lieblingsfeind lautstark, dass er ab jetzt keinen Schritt mehr weitergehen würde, worauf sich natürlich ein weiteres Wortgefecht entzündete. Ich unterhielt mich kurz mit den anderen Leuten, wünschte ihnen viel Spaß auf der Party und erklärte unserem Bodyguard, dass es jetzt wirklich reichte und er jetzt lieber zurück zu seinen Mädels gehen solle, was er dann auch zum Glück tat. Wing3 und ich tranken im Flur noch unser Bier und warteten, ob vielleicht unser dritter Genosse noch hinterher geschickt würde. Statt ihm kam aber die Gruppe neuer Gäste wieder herunter und erklärte uns, man hätte sich oben geweigert, ihnen die Tür zu öffnen. Wir konnten uns kaum halten vor Lachen. Offensichtlich war man, schockiert von der Begegnung mit fremden Menschen, im dritten Stock jetzt dazu übergegangen, alle Fenster und Türen zu vernageln. Willkommen in Berlin, Mädels!

Zur Verteidigung dieses Konzepts sollte man noch erwähnen, dass dies das erste Mal war, dass ich beim Besuch einer fremden Party überhaupt aufgefordert wurde zu gehen, geschweige denn, dass es derart unspaßig wurde. Die negativste Reaktion, die ich vorher bei solchen Aktionen erlebt hatte, war als letzten Sommer bei einer ähnlichen Geschichte nach 10 Minuten einer der Gastgeber uns aufforderte „also ihr könnt alle gerne hier feiern, aber könntet ihr bitte eure Schuhe ausziehen?“.

Bisher konnten wir nicht in Erfahrung bringen, was aus unserem fehlenden, dritten Mann geworden ist und ob er jemals aus dieser Wohnung wieder herauskam. Am einfachsten wäre das wohl gegangen, indem er sich als 'Philipp' vorgestellt hätte.

Und was lernen wir nun aus dieser Geschichte? Nichts natürlich. Und hatte wenigstens irgendjemand Sex in dieser Nacht? Sicherlich.

Nur eben keiner von uns. Aber lustig war's trotzdem.


Elia