13. Februar 2013

Hähnchen im Körbchen

Gerade habe ich in der Apotheke einen neuen 50er Pack Aspirin gekauft, bin dann nachhause gegangenen und habe einen Termin für eine Magenspiegelung vereinbart. Das nennt man dann wohl “Ü-30-Clubgame“. PickUp ist schon was sehr feines.

Des weiteren etabliert sich im Pick Up Forum anscheinend gerade die Redewendung “einen Elia bauen“ (Danke Ratte!) für das Nicht-Abschleppen einer nahezu sicheren Chance. Ich habe das jetzt heute mal so an die Duden-Redaktion gefaxt:

Elia, der
Substantiv, maskulin – männlicher Vorname
(auch Elia Elijah; Elias, Ilja,Ilia;hebr. Elijahu), biblischer Prophet
Berliner Pick Up Heartist, Redewendung, Redensart: einen Elia bauen (Eine paarungswillige oder interessierte Frau ignorieren oder daten um sie im Anschluss zu ignorieren / Eine klare Chance nicht nutzen)

Mal sehen, wie das aufgenommen wird.

Letzten Freitag habe ich meinen persönlichen Rekord im Nicht-mit-Frauen-Schlafen auch nochmal selbst überboten. Ich habe es diesmal geschafft mit sage und schreibe drei Frauen an einem Abend nichts anzufangen. Und zwei davon waren deutlich interessiert. Also Jungs aufgepasst wie Papi das gemacht hat, hier könnt ihr nämlich noch was lernen!

Zunächst mal hatte ich euch natürlich verschwiegen, dass mein Liebeskrankes Hirn sich neulich ein kleines aber recht witziges, weil auf Insider unseres Gespräches bezugnehmendes, Präsent für L ausgedacht hat. Wir reden hier von 1,40 EUR, es ist also kein Ring, soviel kann ich vorwegnehmen. Trotzdem setze ich schon mal sicherheitshalber meinen Anti-Nice-Guy-Shitstorm-Helm auf. So, legt los!

Jedenfalls ging ich also letzten Freitag frohen Mutes mit eben diesem Präsent in der Tasche in die Stammbar um es meinem Lieblingsreh zu übergeben. Dort angekommen begrüßte ich erstmal die mir bekannten Gesichter und musste aber sogleich feststellen, dass L nicht unter den Anwesenden war. Verdammt. Verdammt schade. Aber kein Weltuntergang.

Ich stelle mich also an die Bar, wechsle ein paar Worte mit dem Barkeeper und bestelle ein Bier. Während ich auf mein Erfrischungsgetränk warte lasse ich meinen Blick den Tresen entlang schweifen. Typen, Typen,..... noch mehr Typen....ein Typ den ich vom letzten Mal kenne.....und ein hübsches kleines 2er Set. Und was für ein nettes! Blond und etwas hippie-esk neben düster, blass mit schwarzer Kurzhaarfrisur. Und der kleine Vampir schaut auch direkt zu mir rüber. Großer Vorteil, wenn man gerade frisch in die Bar gekommen ist: Man wird selbst auch erstmal gemustert. Ich zwinge mich den Blickkontakt zu halten (nicht meine Stärke) und BOOM! Madame lächelt mich doch direkt an. Das genügt mir als Einladung. Auf die schriftliche will ich nicht noch warten und das Antwortfax spare ich mir, also los. Den Kerl neben ihr kenne ich, wie schon erwähnt, ja noch von einem weniger frauenreichen Abend, also kurz mal zugeprostet und hingedackelt. Ich werde herzlich begrüßt (der Typ scheint nicht gerade in Freunden zu schwimmen) und quatsche erstmal eine Runde mit meinem neuen, unfreiwilligen Wing. Bei der Gelegenheit frage ich ihn auch gleich ob er die zwei Ladies neben sich denn kenne. „Na klar!“ antwortet er, die Blonde habe hier gerade mit ihrer Band gespielt, er habe Fotos vom Konzert gemacht, und die Schwarzhaarige sei ihre Freundin aus den USA. Gut, das reicht mir an Info. Ich drehe mich während der Unterhaltung langsam gen Bar, bis ich genau zwischen ihm und meinem porzellanhäutigen Target am Tresen stehe. Aus dem Augenwinkel sehe ich wie zwei ihrer Freunde gehen. Dann warte ich nur noch, bis mein mitteilungsfreudiger neuer Freund mal kurz eine Gesprächspause einlegt um dem Erstickungstod zu entgehen und drehen mich dann zu ihr um. Im gleichen Moment verabschiedet sich ihre blonde Freundin und wirft mir im Gehen noch einen komplizenhaften Blick zu. Frauen sind uns irgendwie immer einen Schritt voraus. Sie sitzt jetzt neben mir und blickt auf ihr Beck's. Ich warte noch zwei Sekunden, nicht weil ich mich nicht traue, dafür stehe ich jetzt einfach zu dicht vor ihr, sondern weil ich komischerweise anfange die seltsame Spannung in der Luft zu genießen. Dann lehne ich mich etwas zur Seite und blase zum Angriff:

I: Everyone is leaving you.
Man sieht, dass sie nicht weiß, wie sie darauf antworten soll.

I: Looks, like you're a very interesting person.

S: It does?

I: Totally. Tell me about you.

Wir kommen ins Gespräch, obwohl sie sehr starr und distanziert bleibt. Sie erzählt mir, sie sei Amerikanerin (surprise!) und studiere Philosophie und Germanistik in Berlin. „Großartig!“ denke ich mir „ich hab's also mal wieder geschafft, die einzige Frau in der Bar zu finden, die zu 89% aus Kopf und zu 5% aus Trockeneins besteht“. Aber man könnte behaupten, ich hätte mich in den letzten Monaten ja praktisch auf philosophierende Frauen spezialisiert. Also füttere ich sie ein wenig mit dem für ihre Spezies empfohlenen Futter um ihr die Scheu zu nehmen. Ich fange mit Nietzsche und Sloterdijk an, die einzigen Philosophen von denen ich mehr als ein Buch gelesen habe, auch wenn das schon viel zu lange her ist um noch wirklich viel über den Inhalt sprechen zu können. Madame entspannt sich ein klein wenig, was nicht heißt, dass sie aufhören würde sich mit beiden Händen an ihr Bier zu krallen, auf das Selbige zu Starren als wäre es ihr Teleprompter und mir durch das nervöse Abgefitzel des Etiketts zu signalisieren, dass ihr letzter Geschlechtsverkehr wahrscheinlich mindestens so lange her ist, wie meiner. Ich versuche immer wieder die Unterhaltung auf eine witzige, private und spielerische Ebene zu bringen, aber das scheint ein Weg zu sein, den sie noch nicht bereit ist mitzugehen. Als ihre Freundin auftaucht, um mir schon wieder einen ihrer verschwörerisch-vielsagenden Blicke zuzuwerfen (scheint ihr “Ding“ zu sein) fängt meine Hose an zu vibrieren. Zu meiner großen Erleichterung ist es mein Handy und nicht meine Vorfreude. Eine SMS von C (dem Vorweihnachtsdate):

Bist du in der ...(Stammbar)... ?

„Der Abend kann ja doch noch unterhaltsam werden“ denke ich mir und tippe unter dem Tresen zurück:

Yupp.

Dann widme ich mich wieder meinem eiskalten Engel. Sie möchte über Kant reden. Ich verkneife mir ein Gähnen und beginne zu begreifen, warum alle ihre Freunde in der anderen Ecke der Bar sind, und dass der Blick ihrer Freundin vielleicht doch eher ein fragender war. „Was für eine Verschwendung“ geht es mir durch den Kopf, während ich ihren langen, dünnen Fingern dabei zusehen wie sie auch das Etikett ihres zweiten Bieres mit ihren amerikanisch gepflegten, perfekten Nägeln anzuknibbeln beginnen. Das Mädel ist eigentlich wirklich zum Anbeissen. Wäre sie doch nur ein klein bisschen spannend. Wir sind thematisch bei Susan Sontag und Annie Leibovitz angekommen, als sie vorsichtig von ihrem Bier weg und mir in die Augen schaut. Da vibriert meine Hose schon wieder. Inzwischen ist der Überraschungseffekt kleiner, aber ich zucke trotzdem etwas zusammen. Ich checke mein Handy. Eine SMS von K (was geht denn jetzt ab?):

Hey Elia, gehst du heute auch in die ...(Stammbar)... oder musst du dich noch von gestern erholen? Gruß K

„Jetzt wird’s witzig“ denke ich mir und komme langsam richtig gut drauf. Ich tippe auch ihr kurz zurück:

Bin schon da.

Dann wieder zurück zur Philosophie. Inzwischen bin ich nicht nur gelangweilt, sondern eher genervt. Nicht nur, dass sie keinen Millimeter flirty oder playful ist, sondern spricht wie in der Uni, man muss ihr auch jeden Satz aus der Nase ziehen. Das Gespräch wird anstrengend. Ich versuche inzwischen auch schon gar nicht mehr Augenkontakt herzustellen, sondern lass meinen Blick durch die Bar wandern.Und da sehe ich auch schon C die Bar betreten. Sie winkt mir zu. Sie stellt sich ein paar Meter von uns entfernt an den Tresen und bestellt. Es fühlt sich erleichternd an, sie zu sehen und in meinem Kopf höre ich die Schulglocke klingeln. Philosophiestunde vorbei.

I: I´m sorry, but i have to say hello to someone. It was nice meeting you. See you later.

Ich suche instinktiv nach meiner Schultasche als ich aufstehe und meine steife Philosophin allein an der Bar zurücklasse. Ich schiebe mich durch die volle Bar bis ich hinter C stehe. Es läuft gerade einer meiner Lieblingssongs. Sie wartet immer noch auf ihr Bier.

I: Hey

C: Hey

I: Du kommst und es läuft mein Lieblingslied. Wenn das nichts bedeutet...

C: Meinst du?

Sie dreht sich wieder zur Bar und ich blicke in Richtung Tür und sehe wie K gerade hereinkommt. Ich wiege kurz ab und gehe dann rüber zu K. Wir begrüßen uns und sie bestellt am Tresen einen Wein. Als wir anfangen uns zu unterhalten sehe ich wie C ein paar Meter weiter am Tresen steht und zu uns rüberblickt. Ich beschließe, dass C für ihre komische Boyfriend-Mail jetzt warten muss und quatsche eine gute Stunde sehr ausgelassen mit K. C schaut immer wieder zu uns rüber und als ich mich auf den Weg durch die Bar mache um auf Toilette zu gehen, greift sie nach meinem Arm und stoppt mich. „Hey, wir unterhalten aber jetzt dann schon nochmal, oder?“ fragt sie. „Äh, ja, gleich“ gebe ich zurück und ziehe weiter. Als ich zurückkomme gehe ich trotzdem wieder zu K Wir waren sowieso mitten im Gespräch. Zwischendurch drückt sich noch meine Philosophie-Freundin an uns vorbei in Richtung Ausgang. Ich ernte einen bösen Blick von ihr, bin mir aber keiner Schuld bewusst. C wirft mir auch immer wieder Blicke zu und so entschuldige ich mich nach einer halben Stunde bei K und gehe rüber zu C. Während ich mit ihr spreche, sehe ich wie K recht planlos mit ihrem Wein in der Hand nahe des Eingangs herumsteht. Mein Freund von der Bar kommt zwischen drin sturzbetrunken vorbei und prostet mir lallend zu. Auf der einen Seite genieße ich die Situation natürlich, auf der anderen Seite finde ich es auch irgendwie unangenehm und beschließe daher, die beiden Damen doch einfach beide in der gleichen Ecke zu parken.

Ich winke also K zu mir herüber und sie stellt sich zu uns. Lustigerweise begrüßen sich die beiden Ladies nicht sondern ignorieren die ersten 20 Minuten komplett die Anwesenheit der jeweils Anderen. Ich beschließe spontan daraus einen kleinen Versuchsaufbau zu machen, nicht einzugreifen und abzuwarten, wann die zwei sich von unserer Zivilisation genötigt fühlen Hallo zueinander zu sagen. Es dauert eine halbe Stunde bis sie sich begrüßen. C dreht in dieser Zeit thematisch reichlich auf und erzählt mir und ihrer unbekannten Kollegin erstmal offenherzig, dass sie ja generell nie BHs trägt und Höschen auch nur, wenn sie eine Hose anhat. Ich blicke kommentarlos an ihr herunter. Sie trägt ein schwarz-weiss-gestreiftes Minikleid. Ich grinse sie an.

Die Damen gehen einer Unterhaltung untereinander immer noch aus dem Weg und unterhalten sich statt dessen abwechselnd mit mir. Ich fühle mich langsam richtig wohl in meiner Situation und überlege, was sich daraus jetzt eigentlich machen lässt. Nach einigen weiteren eindeutig zweideutigen Gesprächsthemen, die C in die Runde wirft, verlässt sie uns kurz, geht zur Bar, steht da einige Minuten und schwankt leicht und verlässt dann kommentarlos die Lokalität. Ich blicke ihr etwas verwirrt hinterher, kümmere mich dann aber wieder um K. Nach einer weiteren halben Stunde, trifft deren italienische Freundin ein. K teilt mir aber nach einigen Minuten mit, sie wolle jetzt in Club1 und fragt, ob ich Lust hätte mitzukommen. Es ist inzwischen weit nach 5Uhr und wir machen uns also gemeinsam auf den Weg zu Club1.

Club1 ist für diese Uhrzeit bereits enttäuschend leer. Wir werfen unsere Jacken neben das DJ-Pult und ich gehe zur Bar um mir ein Bier zu holen. Als ich zurückkomme ist K ziemlich gelangweilt und meckert über Club, Musik und Leute. Hätte ich ihr ein Bier mitbringen sollen? Auf der Hälfte meines Bieres verkündet K, jetzt nachhause zu wollen. Ich sage, ich wolle noch mein Bier leeren, inhalieren die halbe Flache und wir machen uns wieder auf den Weg nach draußen. Ich sage ich wolle noch zu Club2 schauen. K begleitet mich bis dorthin. Wir verabschieden uns und ich gehen in Club2. Am Eingang erfahre ich, dass sie noch vollen Eintritt nehmen und beschließe, dass ich darauf keinen Bock habe. Wieder draußen sehe ich K, die gerade versucht einen Bierzombie los zu werden. Ich gehe zu ihr und wir laufen gemeinsam in Richtung U-Bahn. Dort verabschieden wir uns noch ein mal. Ich überlege noch kurz in den Absturzclub zu gehen, entscheide mich aber dann doch für das übliche Ritual. Taxi. Bäcker. Bett.

Das nennt man dann wohl drei “Elias“ an einem Abend bauen.


Am nächsten Tag klingelt gegen Mittag mein Handy. Es ist C. Ich bin ziemlich verwirrt angesichts der Tatsache, dass wir eigentlich nur bei Nacht und betrunken miteinander sprechen und auch noch nie telefoniert haben. Sie hat kein spezielles Anliegen, sondern fragt was ich so mache und wie mein Abend noch so war. Ich berichte kurz vom Ausgang der Nacht und wir smalltalken über das Wetter und die Berlinale. Beides Themen, die mich nicht interessieren. Wing2 stellte hinterher die Theorie auf, C hätte horchen wollen, wie meine Nacht mit K weiter verlaufen war. Daran merkt man, wie gut Wing2 die Frauen und wie schlecht C mich kennt.

Alles in allem war es trotzdem eine lustige Nacht. Und sie unterscheidet sich deutlich (um genau drei Frauen) von einer meiner durchschnittlichen Bar-Nächte vor einem halben Jahr.

Ansonsten habe ich in letzter Zeit wieder Kontakt mit J, meiner Ex-Affäre. Sie hat mir erzählt, sie hätte sich von ihrem Freund getrennt und wohne wieder alleine. Hatte ich's doch richtig gerochen. Wir hatten uns für heute zum Kochen verabredet, was ich abgesagt und auf Sonntag verschoben habe, da ich morgen einen wichtigen Job habe und früh ins Bett muss. J wieder zu aktivieren wäre auf jeden Fall eine schöne Sache. Zwischen uns sind die Fronten geklärt und man könnte entspannt miteinander Spaß haben.

Meinem Rockabilly-Date habe ich übrigens gar nicht mehr geantwortet, da ich ihre Anfrage nach einem zweiten Date zwar respektabel direkt aber auch uncharmant pushy fand.

Und dann bin ich natürlich gespannt, wann ich Bambi (ich habe gerade beschlossen sie jetzt doch wieder Bambi zu nennen, L ist mir für sie zu kurz) wiedersehe.

Mal sehen, was das Wochenende bringt.

Elia

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